Fr., 22.06.2012

Glosse „Übrigens“ „70 Prozent werden Hartz IV“

Ein Sturm der Entrüstung zieht momentan über eine Vermietungs-Firma aus dem nordrhein-westfälischen Elsdorf – die Internet-Gemeinde nennt das neudeutsch „Shitstorm“. Medien in ganz Deutschland haben die Firma ins Visier genommen, Hunderte Facebook-Kommentare werden der Firma um die Ohren gehauen. Die denken sich wohl längst: Hätten wir doch die Klappe gehalten – und den Abiturienten ihren Wunsch erfüllt. Ein klassisches Eigentor in Sachen Imagepflege.

Von Jörg Homering

Letzter Schultag – das wird an Gymnasien groß gefeiert, oft mit Scherzen für die ganze Schule. Das dachte sich auch ein Gymnasium in Eschweiler und plante, eine Hüpfburg auf den Schulhof zu stellen. Die Abiturientia schrieb die Verleihfirma in Elsdorf an mit der Bitte, es doch möglichst günstig zu halten, „da wir nicht viel Budget haben“.

Die Antwort der Firmenleitung fiel unerwartet aus: „Da Sie offensichtlich kein Geld haben, würde ich vielleicht von meinem Luxusdenken etwas abrücken. Wir sind Vermieter und machen das beruflich für unseren Lebensunterhalt mit dem Ziel, nicht da zu stehen, wo Sie offensichtlich stehen. Sollten Sie bei uns irgendwo ein Schild gesehen haben ‚Geschenkladen’ , lassen Sie es mich bitte wissen.“

Die Abiturienten fühlten sich missverstanden und mailten: „Wir möchten nichts umsonst, sondern lediglich zu Konditionen, die zu der Veranstaltung eines Abiturscherzes passen.“ Außerdem, so die Abiturienten, hätten sie mehr Höflichkeit gegenüber potenziellen späteren Kunden erwartet.

Doch die Verleihfirma zog nun alle Register: „Bettelanfragen werden mit entsprechenden Gegenantworten beantwortet. Studenten waren noch nie unsere Kunden aus wirtschaftlichen Gründen. Und sollten diese denn irgendwann mal Geld verdienen (70 Prozent werden Hartz IV), werden diese ihre Anfrage nicht mehr so stellen wie Sie, weil die dann in einer anderen Liga spielen. In gewissen gesellschaftlichen Schichten hat man nämlich einen anderen Umgangston und vor allem eine andere Zahlungsmoral. Als Bittsteller sind Sie nirgendwo gern gesehen.“

Das wollte die Abiturientia nicht auf sich sitzen lassen. Sie stellte den E-Mail-Verkehr bei Facebook ein und informierte ihre Lokalzeitung, die „Eschweiler Nachrichten“. Und seitdem macht das Ding die Runde – mit Erfolg: Nicht nur, dass landauf, landab über die Eschweiler Abiturientia geredet wird; sie haben auch eine kostenlose Hüpfburg bekommen.

Die Verleih-Firma aus Elsdorf indes schweigt sich aus. Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Sie hätte mal vorher schweigen sollen, statt zu pöbeln. Denn wie sagte einst der große Dieter Nuhr: „Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal die Fresse halten.“

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