Tausende ziehen nach Trauerfeier für Loveparade-Opfer durch Duisburg
Duisburg - 21 ist eine große Zahl. 21 Kerzen, die während einer Trauerfeier entzündet werden. Jede Kerze ein Leben. Als die Betreuer, Polizisten und Seelsorger am Samstagmorgen in der Salvatorkirche in Duisburg eine Kerze für jedes einzelne Opfer der Katastrophe von Duisburg entzünden, wird jedem Zuschauer im Gottesdienst, auf den Bildschirmen überall in Duisburger Kirchen und im Fußballstadion, an den Fernsehern im Land noch einmal klar, wie viel Zukunft im Tunnel von Duisburg zerstört wurde.
Die Opfer: „Junge und hoffnungsvolle Menschen“, wie Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, ehemaliger Weihbischof in Münster, sie kurz vorher in seiner Predigt beschreibt. „So wie sie, sehen wir Menschen uns gerne“, sagt er. „ Jung, dynamisch, in Feierlaune, völlig sicher, dass alles gut gehen wird.“ Alle wissen, dass nichts gut gegangen ist.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) spricht am Samstag (31.07.2010) in der Salvatorkirche in Duisburg beim Gedenkgottesdienst für die Opfer der Loveparade-Katastrophe. (Foto: dpa)
So wird der Samstag der Tag vor allem der Trauer und des Abschieds - aber auch der Dankbarkeit. Julia Kirch und ihr Freund Sven Tekniepe haben sich von Bocholt auf den Weg nach Duisburg gemacht, weil sie der Panik vor dem Loveparade-Gelände entfliehen konnten. „Ich wollte unbedingt dabei sein, um Gott zu danken, dass ich das überlebt habe“, sagt die 23-jährige Bocholterin nach der Trauerfeier.
Seit einer Woche schläft sie schlecht, hat Albträume: „Wenn ich träume, kann ich mir selber beim Sterben zusehen“, sagt sie. Trotzdem ist sie erleichtert: „Wir konnten uns retten, wir sind nicht untergegangen.“ Darum kommt sie nach Duisburg. Das Paar hat dafür die Warnungen der Behörden ignoriert, angesichts des erwarteten Besucheransturms nicht in die Stadt zu kommen.
Aber: „Wir wollten wenigstens versuchen, ob wir hereinkommen.“ Zu ihrem Erstaunen bekommen sie tatsächlich zwei Karten. Von dem erwarteten Andrang ist rund um Rathaus und Kirche nichts zu spüren. Die 25 Busse, die vor der Kirche auf Trauergäste warten, um sie ins Fußballstadion zu bringen, fahren selten und halbvoll, am Bahnhof herrscht so viel Verkehr wie an anderen Samstag auch.
Teilnehmer eines Trauerzuges für die Opfer der Loveparade-Katastrophe gehen am Samstag (31.07.2010) in Duisburg zum Unglücksort. (Foto: dpa)
Den beiden Bocholtern ist das nur recht. So können sie ihre Trauer zum Ausdruck bringen und erleben, wie die Öffentlichkeit der Opfer gedenkt. In der ersten Reihe sitzen die Spitzen des Staates.
Bundespräsident Christian Wulff mit seiner Frau, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die während des Gottesdienstes oft die Augen schließt und auf eine angekündigte Stellungnahme nach der Trauerfeier verzichtet. Und die Ministerpräsidentin des Landes NRW, Hannelore Kraft, die nach dem Gottesdienst still in ihr Taschentuch weint.Zuvor hat sie das Wort ergriffen. Die Frage nach der Schuld an der Katastrophe wird in der Kirche so gut wie nicht gestellt. Kraft sagt nur so viel: Den Opfern und Hinterbliebenen, den Menschen vor den Fernsehen„und uns selbst sind wir es schuldig, das Geschehene und Unfassbare lückenlos aufzuklären. Wir konnte dies geschehen? Wer trägt Schuld, wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden“, kündigt sie an.
Bischof Franz-Josef Overbeck besucht am Samstag (31.07.2010) die Unglücksstelle der Loveparade. Eine Woche nach der tödlichen Katastrophe auf der Loveparade wurde in Duisburg der Opfer gedacht. (Foto: dpa)
Mit brüchiger Stimme berichtet die Ministerpräsidentin von dem Vater, der ihr gesagt hat, dass der grausame Tod seiner Tochter im Nachhinein noch einen Sinn bekomme, „wenn dieser Tod uns mahnt, unser aller Wertesystem zu überdenken“. Der Mensch, sein Wohlergehen und seine Sicherheit müsse wieder wichtigste Leitlinie unseres Handelns sein, vor allen anderen Motiven. „Das wird uns Verpflichtung sein“, verspricht Kraft.
Der rheinische Präses Schneider sprach von „Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut“, die das Denken der Menschen beherrschten. Er erwähnte in seiner Predigt auch „Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben.“ Schneider weiter: „Wir können unsere Verstorbenen nicht mehr körperlich spüren. Wir können nicht mehr gemeinsam mit ihnen lachen und weinen, streiten und uns versöhnen. Aber wir tragen sie in unseren Herzen und in unseren Gedanken.“
Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach von einem Leid, das lange währen wird. „So gegensätzlich ist unser Leben: In dem einen Moment ist Party angesagt und im anderen Moment liegen wir hilflos am Boden“, fuhr er fort. „Es bleibt schwer, mit dem zu leben, was geschehen ist. Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der „Loveparade“ zum Ausdruck bringt: Love heißt Liebe.“ Die Liebe sei stärker als der Tod und helfe durch die Schrecken dieser Tage.
Bundespräsident Christian Wulff will den Einsatz der Loveparade-Helfer würdigen. „Ich werde die ehrenamtlichen Helfer, die Leben gerettet und Menschen geholfen haben, nach Berlin einladen und auszeichnen“, sagte Wulff der „Bild am Sonntag“. Derzeit stehe die gemeinsame Trauer im Mittelpunkt. „Es geht darum, den Angehörigen zu zeigen, dass die gesamte Nation ihnen beisteht. Dadurch wird das Leid vielleicht etwas erträglicher gemacht.“
Familien und Freunde konnten nach dem Gottesdienst - abgeschirmt von der Öffentlichkeit - an der Unglücksstelle um ihre Toten trauern. Später zogen 2000 Trauernde durch Duisburg in die Nähe der Unglücksstelle, darunter Freunde von Opfern, und ließen Hunderte schwarze und weiße Luftballons steigen. Vor der Fußballpartie Schalke 04 gegen den Hamburger SV im nahen Gelsenkirchen legten Spieler und rund 50.000 Zuschauer eine Gedenkminute ein.
Ein Notfallseelsorger kümmert sich am Samstag (31.07.2010) in Duisburg vor der Salvatorkirche um zwei Einsatzkräfte, die beim Gedenkgottesdienst für die Opfer der Loveparade-Katastrophe weinend die Kirche verlassen haben. (Foto: dpa)
Tausende verfolgten die einstündige Übertragung des Gottesdienstes in zwölf Kirchen und im Fußballstadion des MSV Duisburg. Dort fanden sich statt der erwarteten Zehntausenden nur rund 1500 Besucher zusammen. Auf dem Rasen lag ein schwarzes Holzkreuz, auf dem Kerzen brannten. „Wir kamen in Freude, Liebe und Vertrauen. Jetzt sind wir tot, verletzt und traumatisiert. Musste das sein?“, hieß es auf einem Transparent.
Vor der Gedenkfeier trugen Seelsorger, die beim Unglück im Einsatz waren, zusammen mit Bürgern in einem Trauermarsch Kerzen und Kondolenzbücher vom Unglücksort zur Salvatorkirche.
Am Tunnel, dem Zugang zur Loveparade, lagen schon vor der Trauerfeier Kränze von Wulff, Merkel und anderen Repräsentanten. Die schwarzen, roten und dunkelgelben Blumen darauf symbolisieren die Nationalfarben. Sie liegen in einem Meer von Kerzen, die die Menschen dort abgestellt haben. In Deutschland war Trauerbeflaggung angeordnet.
Wie Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland blieb auch der Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller der Gedenkfeier fern. Sauerland hatte gesagt, er wolle die Trauernden nicht provozieren. Die Linken im Rat haben einen Abwahlantrag gestellt. Für eine Abwahl wird eine Zweidrittelmehrheit benötigt. 25 der 75 Stimmen besitzt die CDU. Sauerland selbst hat sich bislang gegen einen Rücktritt vor der Aufarbeitung der Tragödie gewehrt.
Als „grenzwertig“ bezeichnet der Duisburger Medienethiker Professor Christian Schicha die Berichterstattung über den Oberbürgermeister. „Man braucht ein Ventil, und das funktioniert über Personalisierung“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstag-Ausgabe). Die Trauer kanalisiere sich nun in „Wut und Hass“.
Im Zuge der Debatte um neue Regelungen für Großveranstaltungen warnte der rheinland-pfälzische Innenstaatssekretär Roger Lewentz (SPD) vor Aktionismus. Mit Blick auf Bestrebungen von Nordrhein- Westfalen, neue bundesweite Regelungen zu erreichen, sagte er der dpa: „Ich rate von Schnellschüssen jeder Art ab.“
Der ökumenische Gottesdienst wurde auch in weiteren Kirchen der Stadt übertragen. Die Öffentlichkeit konnte die Feier auch im Stadion des MSV Duisburg verfolgen. Jedoch herrschte nur geringer Andrang an den Übertragungsorten.