Münster - Letztens war Wolfgang Niedecken in der Redaktion, um mit Lesern über sein Afrika-Engagement zu diskutieren. Kein schöner Termin: Niedecken war unheimlich sympathisch, nichts wirkte aufgesetzt, sein Ansinnen ehrlich, sein Antrieb nachvollziehbar. Das hat mir den Spaß verdorben, denn ich finde Niedecken nicht so toll, diese Dialekt-Tümelei, diese Gutmensch-Attitüde, diese wiederholte Anbiederung an Dylan und Springsteen. Doch an diesem Tag im sachlichen Konferenzraum drohte ein leidenschaftlich gepflegtes Feindbild einzustürzen. Sollten etwa auch die Konzerte besser sein als meine Vorurteile glauben machen? Auf in die Halle Münsterland!
Ziemlich pünktlich kommt Wolfgang Niedecken am Dienstagabend um kurz nach Acht auf die Bühne, trägt gänzlich Schwarz und einen merkwürdigen Hut. Rund 1500 Fans stehen vor der Bühne, das waren auch schon mal mehr. Das (gefährliche?) BAP-Halbwissen lässt vermuten, dass es daran liegen könnte, dass der wahre Fan den echten Band-Spirit vermisst. Schließlich ist es, bitte verzeihen Sie den Kalauer, „Verdamp lang her“, dass BAP in Originalbesetzung gespielt haben. Doch die jetzigen Herren an Niedeckens Seite sind ja auch schon seit Jahren dabei.
Behutsam steigen die fünf Kölner und Wahl-Kölner mit „Pandora“ vom jüngsten Album „Radio Pandora“ ein. Im ersten Teil der Show legen sie einen Schwerpunkt auf das frische Material, das Publikum folgt gerne. Musikalisch geht’s hier äußerst originell zu. Mal schreien die Gitarren heftig, mal treiben die Musiker ein Lied langsam, aber unaufhaltsam durch den Saal, der alte Diesel hat Dampf. Hier ein Hauch von Reggae, dort eine Ballade und gerne mal unkonventionelle Sounds: Da kommt keine Langeweile auf.
Zwischendurch erzählt Niedecken, was ihn zu den Songs bewogen hat. War ja klar. Er berichtet von Begegnungen in aller Welt, von Kindern, die gezwungen werden, Angehörige zu töten. Dabei wirkt Niedecken so entspannt und wenig moralinsauer, dass er die Stimmung nicht nachhaltig verdirbt. Das ist gut!
So gelingt mühelos der Wechsel zwischen nachdenklichen, vielleicht mahnenden Liedern und Party-Krachern wie „Ne schöne Jrooß“, die später am Abend mehr Anteile bekommen. Diese Gassenhauer spielt die Band erstklassig aus, zieht sie im positiven Sinn mit Soli in die Länge, dass es eine wahre Freude ist. Jetzt ist Party.
Fast tut es mir da schon leid, dass mich das nicht so packt wie die 1499 anderen Zuhörer im Saal. Ich wehre mich halt erfolgreich. Ich will kein BAP-Fan sein. Warum auch immer.