Wer länger lügt, gewinnt


Zettl („Bully“ Herbig) gibt der Maskenbildnerin Anweisungen für die perfekte Hautfarbe, während der Ministerpräsident (Harald Schmidt, r.) vor sich hin orgelt. Fotos:
Zettl („Bully“ Herbig) gibt der Maskenbildnerin Anweisungen für die perfekte Hautfarbe, während der Ministerpräsident (Harald Schmidt, r.) vor sich hin orgelt. Fotos:
(dpa)


Münster - Wer von Helmut Dietls Satire „Zettl“ herzliches Lachen, humorvolles Amüsement oder fröhliche Unterhaltung erwartet, sollte auf der Hut sein. Die Quasi-Fortsetzung der legendären TV-Serie „Kir Royal“ ist so gallig und auf Tiefkühlkost mit bitteren Erkenntniswerten angelegt, dass Parallelen zum gegenwärtigen Polit- und Medienzirkus der Republik auf der Hand liegen.

Über die aktuellen Anspielungen hinaus erzählt Dietl vor allem eine Geschichte von Lügenbaronen, die die Balken nicht biegen (das wäre Komik), sondern brechen (das ist die Tragik). In einem Berlin, das kälter ist als der Tod (und es in einer Figur buchstäblich wird), gewinnt derjenige, der am längsten oder, wie es der Hauptfigur zugestanden wird, am schönsten lügt.


Der Chauffeur Max Zettl, von Michael Bully Herbig grandios, „unschlagbar charakterlos“ - so sagte es der Untertitel - und charmant bis zur letzten Gemeinheit gespielt, begegnet auf der Beerdigung seines bei einem Unfall gestorbenen Chefs Baby Schimmerlos einem Schweizer Milliardär (Ulrich Tukur agiert souverän als widerlicher Geldverteiler). Der will nach dem Vorbild des Magazins „The New Yorker“ mit „The New Berliner“ in der Hauptstadt ein Blatt lancieren, das „nackte Wahrheiten für arme Leute“ präsentiert.

Zettl sieht seine Chance, spielt als neuer Chefredakteur mit und entfesselt vor und hinter den Kulissen ein Intrigenspiel, das in genau den Dimensionen abläuft, die Politiker und Medienleute vorgeben. Da ist die Berliner Bürgermeisterin (Dagmar Manzel) ein Mann, der/die sich einer Geschlechtsoperation in einer Privatklinik unterzieht, wo auch der sterbende Bundeskanzler (Götz George in der nach Bully besten Rolle) vegetiert. Der diktiert Zettls Freund Herbie (Dieter Hildebrandt als Fotografen-Legende im Rollstuhl) seine Memoiren, während Zettl höher pokert.

Zu den Schurken, Schmierern und Schleimern gehört der schwäbelnde Ministerpräsident von Meck-Pomm (Harald Schmidt), der sich bei des Kanzlers Mätresse bedient, die wiederum Zettls Dauergeliebte ist. Zu den Schummlern, Schlangen und Schikaneuren gehören ferner ein alkoholbeduselter Fernseh-Star (Sunny Melles) und der Vizekanzler mit Krückstock (Hanns Zischler).

Nicht ganz so rund wie die genialen Satiren „Schtonk!“ und „Rossini“, wo Dietl die Spaß-, Bussi- und Fälschergesellschaften entlarvte, ist „Zettl“ dennoch auf der Höhe der Zeit. Denn die Charakterschweine jeglicher Prägung, die Dietl vorführt, sind nichts anderes als das Spiegelbild einer Gesellschaft, die genau solche Typen produziert. Ihnen filmisch mit einer Kälte wie in der Tiefkühltruhe zu begegnen, ist Ausdruck der Abscheu eines Regisseurs und Autors, der gegenüber dem sinnzerstörenden Treiben von Politik und Medien nur Verachtung übrig hat. Dafür nach etwas sperrigem Beginn zur Form aufläuft und kompromisslos Endzeiten beschreibt. Wer das als Schmarrn abtut, hat „Zettl“ nicht begriffen.

Zwei Figuren aus „Kir Royal“-Tagen bleibt bei allen genussreich servierten köstlichen Dialogen nur die Flucht. Die wunderbare Senta Berger als Mona und Dieter Hildebrandt als Herbie werden dem Berlin der Beliebigkeiten den Rücken kehren und sich wieder München zuwenden - nicht nur für sie die „bessere“ Hauptstadt.



02 · 02 · 12




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