Stuttgart - Großes Finale beim Stuttgarter Ballett: Die letzte Produktion des scheidenden Haus-Choreographen Christian Spuck hat das Publikum begeistert. Zum Schluss zieht er alle Register der großen Kompanie - und holt auch eine Ballettlegende auf die Bühne zurück.
Marcia Haydée tanzt nicht mehr. Aber alles tanzt um sie herum. Für die Titelrolle des «Fräuleins von S.» ist die 74 Jahre alte Brasilianerin nach Stuttgart zurückgekehrt, wo sie Primaballerina und von 1976 bis 1996 Ballettdirektorin war. Kurz vor ihrem Abschied hatte sie damals den jungen Tänzer Christian Spuck nach Stuttgart geholt. 2001 wurde er Haus-Choreograph und jetzt verabschiedet er sich nach Zürich, wo er Ballettdirektor wird. Seine letzte Stuttgarter Produktion ist am Freitagabend im Opernhaus vom Premierenpublikum mit langem Applaus gefeiert worden.
Für das anspruchsvolle Handlungsballett hat Spuck erneut auf eine Erzählung des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmann (1776-1822) zurückgegriffen. «Das Fräulein von Scuderi» gilt als eine der frühesten deutschen Kriminalgeschichten. Die Titelheldin am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. klärt den Mord an dem Goldschmied Cardillac auf, der von seiner Liebe zur Kunst besessen war. Er tötete seine Kunden, um wieder in den Besitz der von ihm gefertigten Schmuckstücke zu gelangen.
«Ich mag die Uneindeutigkeit, das Dunkle daran», sagt Spuck, der vor sechs Jahren bereits Hoffmanns «Sandmann» auf die Bühne brachte. Mit dem Dramaturgen Michael Küster verkürzte er die Novelle auf zehn Sätze - und zieht alle Register der großen Kompanie. 36 Tänzer sorgen für Massenszenen. Das Staatsorchester Stuttgart spielt dazu Werke von Robert Schumann und den zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Philip Glass und Michael Torke.
Als Doppelgängerin des «Fräuleins von S.» taucht eine Erzählerin namens «S.» auf, die durch die Handlung führt. Die französische Schauspielerin Mireille Mossé («Swimming Pool») verkörpert diese gegenläufige Figur. Sie kommentiert und reflektiert das Geschehen mit hoffmannesk-gespenstischen Zügen und mit viel romantischer Ironie. Vor allem im ersten Akt nimmt das Züge eines epischen Theaters an.
Für die Frühromantiker war klar: Nur die Kunst kann die Welt erlösen und das Absolute zum Vorschein bringen. Doch die Verwandlung der Welt durch Kunst in Kunst kann auch zur Obsession werden. In der «Schwarzen Romantik» E.T.A. Hoffmanns wimmelt es daher von unheimlichen, dämonischen Figuren wie Cardillac, der durch seine Kunst zum Massenmörder wird. Im Ballett wird daraus ein verstörender Tanz mit den Juwelen - als träumerische Rückblende nach dem Tod des Goldschmieds.
Die Scuderi als alternde Dichterin steht demgegenüber für ein klassisches Verständnis von Kunst: Das Schöne verschafft dem Wahren und Guten Geltung. Im Mittelteil des Balletts verschmelzen beide Ansätze zu reiner, abstrakter Tanzkunst, berührend und zerbrechlich. Choreographisch wird so auch die Zerrissenheit der Tochter Madelon (Katja Wünsche) vor Augen geführt: hin- und hergerissen zwischen der Verehrung ihres Vaters Cardillac (Marijn Rademaker) und der Liebe zu dessen Gehilfen Olivier (William Moore).
Das Stuttgarter Publikum war begeistert - und muss nun nicht nur von Spuck Abschied nehmen. Denn Wünsche und Moore gehen mit nach Zürich. Intendant Reid Anderson wünscht ihnen dort einen «fulminanten Start» und muss nun sehen, wie er die Lücke schnell schließt.
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