Erste Schicht im neuen Schacht: Saar-Bergleute im Münsterland


Bergleute hängen in der Schwarzkaue des Bergwerks der RAG in Ibbenbüren ihre neue Arbeitskleidung an ihre Kauenhaken.
Bergleute hängen in der Schwarzkaue des Bergwerks der RAG in Ibbenbüren ihre neue Arbeitskleidung an ihre Kauenhaken.
(Foto: dpa)


Ibbenbüren/Ensdorf - Für ein paar Jahre Zukunft unter Tage haben sie ihre Heimat verlassen: 80 Kumpel aus dem letzten Bergwerk im Saarland haben am Dienstagmorgen ihre erste Schicht im münsterländischen Ibbenbüren angetreten.

Sie bilden die Vorhut von rund 700 Bergleuten, die in den nächsten Jahren von der französischen Grenze in die 460 Kilometer entfernte, nördlichste Zeche Deutschlands wechseln. Denn dort dort gibt es etwas, was es im Saarland bald nicht mehr geben wird: Arbeit unter Tage.


Nach mehr als 250 Jahren ist der Steinkohlebergbau im Saarland ab 2012 Geschichte. Dann wird das letzte verbliebene Bergwerk in Ensdorf bei Saarlouis dicht machen. Dies hatte der RAG-Konzern unter hohem politischen Druck beschlossen, nachdem im Februar 2008 das schwerste Erdbeben in der Geschichte des Saarbergbaus das Kohle-Revier erzittern ließ.

Seitdem sind von rund 5000 Stellen mehr als 1000 abgebaut worden, einige Bergleute gehen in den Vorruhestand. Rund 1700 Mitarbeiter aber werden in die noch verbleibenden RAG-Bergwerke an die Ruhr und in die Anlage der RAG Anthrazit Ibbenbüren verlegt.
Andreas Schneider ist einer von ihnen. Für sein neues Leben bekommt er am Dienstag als erstes einen Kleidersack in die Hand gedrückt. Weiße Arbeitshose, Jacke, Schienbeinschoner, Handschuhe, Helm und Gürtel: „Noch sind die Sachen sauber“, stellt er fest. In ein paar Tagen werden sie grau sein. Wie die meisten Saarländer Kumpel wird der 45-Jährige am neuen Standort im Streckenvorbau arbeiten, Rohrleitungen und Schienen einbauen, Kabel im Berg verlegen.

Den Arbeitsplatz zu wechseln ist für den gelernten Bergmechaniker nichts Ungewöhnliches. Seit er 1981 das erste Mal unter Tage war, hat er bereits in vier verschiedenen Gruben im Saarland gearbeitet. „Was hier passiert, ist im Bergbau normal“, sagt auch der Vorstand der Belegschaft bei der RAG, Peter Schrimpf, bei der Begrüßung der Kumpel. „Wir haben insgesamt rund 10 000 Verlegungen im Bergbau erlebt.“

Trotzdem sei der heutige Tag etwas besonderes: „Es ist das erste Mal, dass wir so viele Mitarbeiter auf einmal verlegen.“ Und er betont: Der Wechsel von der französischen Grenze ins nördliche Münsterland sei für die Bergmänner mit vielen Schwierigkeiten verbunden. „Sie müssen umziehen, verlieren ihren Lebensmittelpunkt.“

Bergmann Schneider etwa lässt im Saarland seine 76 Jahre alte Mutter zurück. „Sie ist nicht so begeistert“, sagt er. „Weil sie keinen Führerschein hat, habe ich sie einmal die Woche zu Aldi gefahren.“ Das muss jetzt der Bruder übernehmen. Auch Schneiders Freundin bleibt im Saarland. Dennoch ist der 45-jährige Bergmann froh, dass es nun endlich losgeht in Ibbenbüren, wie er versichert. „In den letzten Monaten hat man so in der Luft gehangen.“

Seinem Kumpel Stefan Henrich (39), mit dem sich Schneider in Ibbenbüren eine Doppelhaushälfte teilen wird, fällt der Wechsel schwerer. Seine zwölfjährige Tochter wird bei der Mutter im Saarland bleiben. „Das ist schon der Hammer“, sagt Henrich. Dafür hat er in Ibbenbüren nun einen sicheren Arbeitsplatz. Allerdings nur bis 2018. Bleibt es bei den bisherigen Plänen, ist dann endgültig Schluss mit „Glück auf!“ und der subventionierten Steinkohle-Förderung in Deutschland.

VON SILKE KATENKAMP, DPA


06 · 04 · 10



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