Neuenkirchen-St. Arnold. Wer war Agnes Miegel? Nazi-Dichterin, wie sie die MV genannt hat? Mitläuferin, von den Nazis „verführt“? Oder war sie die bloß die „Mutter Ostpreußens“, die Dichterin, die einem ganzen Landstrich Identität gegeben hat? Bürgermeister Franz Möllering will am kommenden Dienstag, 13. April, mit den Anliegern der Agnes-Miegel-Straße sprechen. Wollen sie ihre Straße umbenennen? Muss man das? Die MV will nachfolgend die Heimatdichterin vorstellen und darlegen, wie die Forschung ihr Verhalten während des Nationalsozialismus und danach bewertet.
Die Agnes-Miegel-Realschule in Osnabrück gab sich zum 1. Februar 2010 nach 44 Jahren einen neuen Namen. Sie heißt nun „Bertha-von-Suttner-Realschule“. Diesem Antrag der Schulkonferenz stimmte der Schulausschuss des Osnabrücker Rates einstimmig zu. So wie in Osnabrück geht es landauf, landab. In Erlangen, Heiden, Willich und Detmold wurden Straßen, die den Namen der Heimatdichterin tragen, umbenannt. In Ahlen-Vorhelm im Kreis Warendorf diskutieren Nachbarn und Stadtverwaltung noch, ob die Agnes-Miegel-Straße umbenannt werden soll.
„Wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus kann Agnes Miegel kein pädagogisches Vorbild sein.“ Zu diesem Ergebnis kam ein Gutachten, angefertigt vom Uni-Historiker Hans-Jürgen Döscher. Dabei geht es dem Professor nicht allein um ihre Mitgliedschaft in NS-Organisationen oder Weihegedichte auf den „Führer“. Es geht ihm vor allem um die „unbeugsame Haltung“ der Dichterin Ostpreußens nach 1945: „Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemandem sonst“, hat Agnes Miegel auf entsprechende Fragen nach ihrer Vergangenheit damals geantwortet. Distanziert hat sie sich nie.
Wer war Agnes Miegel? Sie wurde am 9. März 1879 in Königsberg geboren und starb am 26. Oktober 1964 in Bad Salzuflen. Sie besuchte die Höhere Mädchenschule in Königsberg und lebte von 1894 bis 1896 in einem Pensionat in Weimar, wo sie erste Gedichte schrieb. 1898 verbrachte sie gemäß der Internet-Enzyklopädie „wikipedia.de“ drei Monate in Paris, machte ab 1900 eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester in einem Berliner Kinderkrankenhaus und war von 1902 bis 1904 als Erzieherin in Bristol in England tätig. 1904 besuchte sie das Lehrerseminar in Berlin, musste wegen Erkrankung abbrechen und ging 1905 in eine landwirtschaftliche Maidenschule bei München.1906 kehrte Miegel nach Königsberg zurück, um ihre kranken Eltern und insbesondere ihren erblindenden Vater bis zu seinem Tod im Jahre 1917 zu pflegen. Sie lebte bis 1945 in Königsberg, unterbrochen von größeren Reisen, und arbeitete dort als Journalistin, Autorin und seit 1927 als freie Schriftstellerin.
Neben ihrer erzieherischen Tätigkeit schuf Miegel als Literatin Lyrik und Erzählungen, die von heimatlich-christlichem Gedankengut geprägt sind. Schon als Zwanzigjährige hielt sie ihre erste eigene Dichterlesung im Königsberger Artushof. 1901 erschien ihr erstes Buch „Gedichte“ und 1907 ihr zweites Buch „Balladen und Lieder“. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie zahlreiche Erzählungen, Märchen und Gedichte. Die Gesamtausgabe ihrer Werke umfasst sieben Bände.
Bekannt wurde Miegel besonders mit ihrer Ballade „Die Frauen von Nidden“, die bis dato noch vereinzelt in Schulbüchern auftaucht. Hierin beschreibt sie den Untergang des Dorfes Nidden in Ostpreußen (heute Nida in Litauen) bei einer Pestepidemie. In ihrer Heimatlyrik verarbeitete sie insbesondere ostpreußische Bezüge und wurde oft als „Mutter Ostpreußens“ bezeichnet.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war Miegel eine bekennende Verehrerin Adolf Hitlers. Sie wurde 1933 Mitglied der NS-Frauenschaft und nach der „Säuberung“ Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie der Dichtung, einer Unterabteilung der Preußischen Akademie der Künste. Im Oktober 1933 gehörte sie zu den 88 deutschen Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichneten - mit ihr unter anderem der Dichter Gottfried Benn, der Schriftsteller Max Halbe und der Dichter Hermann Kasack. So war sie von Verfolgungen, denen andere Künstler dieser Zeit ausgesetzt waren, nicht betroffen. 1939 nahm sie das Ehrenzeichen der Hitlerjugend entgegen; 1940 wurde sie Mitglied der NSDAP.
Agnes Miegel unternahm Vortrags- und Lesereisen, bekam Ehrenbürgerschaften verliehen und durfte während der NS-Zeit ohne Einschränkungen publizieren. Ihre Einstellung wird an glorifizierenden Hymnen auf Adolf Hitler (unter anderem in dem Gedicht: „An den Führer“, 1938) und einer Hinwendung zu Blut- und Boden-Themen deutlich. Als ostpreußische Heimatdichterin wurde sie zu einem literarischen Aushängeschild des NS-Regimes.
Ihre Gedichte lassen nach Ansicht der Forscher auf eine tiefe Verbundenheit zu Adolf Hitler und seiner Ideologie schließen. Während der Naziherrschaft erhielt Agnes Miegel den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. 1944, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, wurde sie von Hitler in die „Gottbegnadetenliste“ mit den sechs wichtigsten deutschen Schriftstellern aufgenommen - neben ihr Gerhard Hauptmann, Hans Carossa, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer und Ina Seidel.Agnes Miegel habe ihre Meinung - trotz späterem Gutachten der Alliierten - nie geändert und sich bis zum Tode nicht öffentlich von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanziert. So hat sie auch noch in der Nachkriegszeit im NS-nahen Umfeld veröffentlicht, etwa in der Monatszeitschrift „Nation und Europa“, die 1951 vom ehemaligen SS-Sturmführer Arthur Erhardt und dem ehemaligen SA-Obersturmführer Herbert Böhme gegründet wurde. So wurde sie auch nach ihrem Tod Anziehungspunkt für Rechtsradikale.
Die „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ mit Sitz in Bad Nenndorf deutet die Tätigkeit Agnes Miegels während der NS-Zeit allerdings anders. „Die Berühmtheit der Dichterin und ihre Themen kommen den neuen Machthabern 1933 sehr gelegen“, heißt es auf der Internetseite der Gesellschaft. Sie sieht Miegel eher in der Opferrolle: „Die Nationalsozialisten können sie gebrauchen, glauben sie doch in ihrer ostpreußischen und altpreußischen Thematik etwas von Blut und Boden zu erkennen.“ Rassismus oder Antisemitismus gebe es bei Miegel aber „ebenso wenig wie Maximen von Gewalt, Hass, Unrecht oder Intoleranz“.
Agnes Miegel sei „nie ein politisch denkender Mensch“ gewesen, schreibt die Agnes-Miegel-Gesellschaft. Und wörtlich: „Sie durchschaute nicht, wie das NS-Regime sie für seine Ziele und Zwecke instrumentalisiert. Noch weniger erkannte sie, worum es dem NS-Regime tatsächlich ging. So erlag sie, wie unzählige andere, dem Bann Adolf Hitlers und seiner Propaganda und trat der NSDAP bei. (...) Agnes Miegel liebte ihre Heimat, aber ihr grenzdeutscher Patriotismus darf auch heute nicht mit einem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie verwechselt werden. Die Gedichte, die sie an Hitler richtete und in dem Pathos der Zeit schrieb, sind vor allem emotional, nicht politisch zu verstehen.“
Nach dem Zusammenbruch der Hitler-Ära habe Agnes Miegel „entsetzt“ von dem unvorstellbaren Unrecht, Gewalttaten, Konzentrationslagern gehört - „und leidet schwer unter ihrem großen Irrtum“, schreibt die Agnes-Miegel-Gesellschaft. Sie leugne nicht, dass sie an Hitler geglaubt habe. Ihr Entnazifizierungsurteil laute schließlich „unbelastet“. Wörtlich heißt es: „Sowohl Motive wie Handlungen haben niemals NS-Geist verraten“, zitiert die Agnes-Miegel-Gesellschaft auf ihrer Internetseite.
Im Februar 1945 flüchtete Agnes Miegel vor der herannahenden Roten Armee nach Dänemark. 1946 kehrte sie nach Deutschland zurück und fand Aufnahme in der britischen Besatzungszone. 1948 zog sie nach Bad Nenndorf und wirkte dort bis zu ihrem Lebensende.
In der Nachkriegszeit war Miegel Namensgeberin für Schulen in Düsseldorf, Osnabrück, Wilhelmshaven und Willich sowie für Straßen, Wege und Plätze in mehreren deutschen Städten. So wurde zum Beispiel 1959 im Wilhelmshavener Stadtteil Fedderwardergroden, in dem sich nach dem Krieg Tausende Vertriebene aus Polen und Schlesien angesiedelt hatten, eine Realschule nach ihr benannt - „aus Dankbarkeit für die unvergänglichen Werke der Dichterin und zugleich als Ausdruck unlöslicher Verbundenheit mit dem deutschen Osten“. Auch die Agnes-Miegel-Straße in St. Arnold erhielt 1971 ihren Namen mit Blick auf die ostdeutschen Flüchtlinge, die sich dort nach dem Krieg angesiedelt hatten.In ihrem ehemaligen Wohnhaus in Bad Nenndorf wurde ein Literaturmuseum eingerichtet. Das Museum wird von der literarischen Agnes-Miegel-Gesellschaft betrieben, die dort auch ihren Sitz hat.
Agnes-Miegel-Denkmale gibt es in Bad Nenndorf sowie an ihrem Wohnhaus in Serzanta Koloskowa (Königsberg), in Wunstorf und am Oberhof in Filzmoos. Auf dem Relief am Königsberger Wohnhaus ist in deutscher und russischer Sprache zu lesen: „Und dass du Königsberg nicht sterblich bist.“ In diesem Hause lebte Agnes Miegel bis 1945. Auf das Denkmal in Wunstorf wurde Anfang Februar 2007 ein Anschlag verübt; das Denkmal wurde dabei mit einem Davidstern und mit der orangefarbenen Inschrift beschmiert: „Kein Vergeben - Kein Vergessen“.
www.agnes-miegel-gesellschaft.de