Steht Islam-Professor
bald alleine da?

Umstrittener Lehrstuhlinhaber: Prof. Dr. Muhammad Kalisch, Leiter des Centrums für religiöse Studien.
Umstrittener Lehrstuhlinhaber: Prof. Dr. Muhammad Kalisch, Leiter des Centrums für religiöse Studien.


Münster. Bundesweite Schlagzeilen waren dem Centrum für religiöse Studien (CRS) gewiss, als es vor fünf Jahren einen Lehrstuhl für Islamkunde einrichtete. Als erste Hochschule in Deutschland bildet die Universität Münster seitdem Islam-Lehrer für öffentliche Schulen aus. Dazu sitzen Moslems, orthodoxe Christen und Juden einträchtig im beratenden Beirat – das CRS wurde als Modellprojekt gefeiert.

Seit einigen Wochen ist das Centrum wieder in den Schlagzeilen, doch die, die jetzt zu lesen sind, sind alles andere als erfreulich. Erst wurde bekannt, dass eine ehemalige Mitarbeiterin Forschungsmittel unterschlagen haben soll, die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Und jetzt ist auch noch der Beirat geplatzt.


Wegen „erheblicher Diskrepanzen zwischen den Grundsätzen der islamischen Lehre und veröffentlichten Positionen“ von Kalisch hat der Koordinationsrat der Muslime die Zusammenarbeit aufgekündigt. In einem Gremium, das unter anderem Anregungen für die Ausbildung von Islam-Lehrern geben soll, sitzen damit nur noch ein Christ und ein Jude. Anlass genug für das Centrum, nun zu prüfen, ob man den Beirat noch braucht – zumal er überhaupt nur ein einziges Mal in voller Besetzung zusammengekommen sein soll.

Kalisch bedauerte Freitag die Entscheidung des Koordinationsrats: „Eine große Herausforderung für den Islam besteht darin, sich mit modernen historisch-kritischen Methoden mit dem Islam auseinander zu setzen. Es ist schade, dass sich die islamischen Verbände dieser Herausforderung nicht stellen wollen.“

Konkreteres über die „Diskrepanzen“ erfährt man nur hinter vorgehaltener Hand. So zweifle Kalisch, der als liberal gilt, nicht nur die Existenz zahlreicher Propheten, sondern neuerdings auch von Mohammed selbst an. Für die Verbände ein Affront. Die wiederum, so heißt es an der Uni, hätten am CRS lieber „Verkündigungsunterricht“ als kritische Forschung gesehen – mit einem „Parademuslim“ als Leiter.

Doch den gibt Kalisch offenbar nicht ab. In Kürze will der Wissenschaftler seine Mohammed-Thesen auch noch in Buchform veröffentlichen. „Uns allen ist schon mulmig“, betont eine Kalisch-Mitarbeiterin.

Derweil äußert auch die Uni Bedauern über den Schritt des Koordinierungsrates. Nach Einschätzung von Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles habe er aber „keine Auswirkungen auf die Arbeit des Centrums und die von ihm angebotenen Studiengänge“.

Offen ist, ob dem Centrum nun die Studenten ausgehen werden. Der Koordinierungsrat ließ gestern verlauten, dass er muslimischen Studierenden „nicht länger empfehlen“ könne, sich an Kalischs Lehrstuhl einzuschreiben – was praktisch einem Boykottaufruf gleichkommt.

VON MARTIN KALITSCHKE, MÜNSTER

05 · 09 · 08


MEHR ZUM THEMA



kommentar



TOP ARTIKEL
Topartikel Icon
KURZMELDUNGEN
FAHRPLAN-AUSKUNFT
von:
Haltestelle Str./Nr.
nach:
Haltestelle Str./Nr.


© Münsterländische Volkszeitung - Alle Rechte vorbehalten 2010

Impressum | Datenschutz | AGB | Sitemap
Media-Daten | Netiquette