Duisburg - Wer die Massenpanik von Duisburg miterlebt hat, der ist zunächst froh, der Katastrophe heil entronnen zu sein. Spätfolgen, die durchaus zeitverzögert auftreten können, sollten jedoch weder auf die leichte Schulter genommen noch verdrängt werden. Das betonte jetzt Dr. Herrmann Paulus, Psychotherapeut und Chefarzt der Oberbergklinik Weserbergland und als solcher spezialisiert auf die Behandlung posttraumatischer Störungen.
Wer jetzt, knapp zwei Wochen nach dem Tod von 21 Menschen bei der Loveparade, psychische Symptome bei sich feststellt, „der sollte unbedingt in fachliche Behandlung“, so Paulus. Jeder stecke ein solches Ereignis anders weg. Manche seien resilienter, also psychisch widerstandskräftiger und gingen gestärkt daraus hervor. Andere trügen ein Trauma davon.
Ein Alarmsignal sei etwa, wenn sich Flashbacks ereignen. „Betroffene rutschen immer wieder in das Geschehen hinein, können sich nicht von den Bildern lösen“, erläutert der Fachmann. Oder aber sie träumen schlecht, leiden unter Unruhe, Zitteranfällen, sprachlosem Entsetzen. Manche werden auch mit der eigenen Hilflosigkeit konfrontiert. „Helfer, die Leben nicht retten konnten, haben häufig mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Alte Traumate aus der Vergangenheit können wieder hochkommen, bei manchen Patienten erscheint das Leben sinnentleert“, beschreibt Paulus das Krankheitsbild.
Plötzlich hereinbrechende Unglücke wie auf der Love Parade, Terroranschläge oder seinerzeit das Zugunglück von Eschede konfrontieren die Menschen mit einer immensen Bedrohung des eigenen Lebens. Das könne ebensolche Schäden an der Psyche hervorrufen wie langanhaltende Misshandlungen.
Paulus rät Opfern und Zeugen deshalb, über das Erlebte - je nach Bedarf einmal oder mehrmals - mit Fachleuten zu reden. „Allerdings nicht immer wieder untereinander, das konserviert das Leid nur unnötig.“