Matt im Unterricht ganz ohne Rüge

Vincent (l.) schaut genau hin und überlegt, was Danny mit seinem Zug beabsichtigt.
Von Edgar Rabe
Dem weißen Turm dieser Geschichte geht es genauso. Mit seinem "Kumpel von der Grundlinie" und seinen schwarzen Gegenübern ist er dort gelandet, wo er hingehört: auf einem Schachbrett. Das steht aber nicht in einer verruchten Kneipe und spielt gerade eine gewichtige Rolle im Club-Ligakampf, sondern in der St. Sebastianschule im Schachraum.
Gestern Vormittag, fünfte Stunde: Schach steht auf dem Stundenplan der Klasse 3d. Schach ist bei uns Unterrichtsfach", erklärt Lehrerin Julia Jöckel, Schach wird gelehrt wie Rechnen, Schreiben, Lesen, Kunst oder Sport...

Lehrerin Julia Jöckel gibt Hilfestellung: Beim Schach macht die Klasse 3d gute Fortschritte.
(Fotos: Rabe)
Es kann nicht mehr lange dauern, und Turm I (schwarz) hat seinen ersten Einsatz. Er selbst rechnet mit einem drei Felder-Ruck nach rechts aber das hängt ganz von Vincent (8) ab. Der Drittklässler steht noch am Anfang seiner "Schachkarriere", obwohl er schon einmal in der freiwilligen Schach-AG der Schule mitgemacht hat. Genau wie sein Gegner auf der anderen Seite des Bretts, Danny (8). Und weil beide schon etwas Vorerfahrung haben, dürfen sie in der zweiten Runde bereits mit allen Figuren operieren, erklärt Julia Jöckel. Andere Kinder sind Neueinsteiger, haben aber in den ersten Wochen schon eine Menge gelernt. Namen wie Bobby Fischer, Boris Spasski, Garri Kasparow oder Anatoli Karpow können sie noch nicht einordnen. Und dass Viswanathan Anand (Indien) und Wladimir Kramnik (Russland) bei den so eben gestarteten Schachweltmeisterschaften in Bonn um den Titel streiten, muss ein Drittklässler gewiss auch (noch) nicht wissen. Aber Vincent weiß: "Der Turm ist meine Lieblingsfigur", und schon setzt er den rechten Turm von H 1 auf H 4. Turm-schwarz denkt sich seinen Teil; sein Gegenüber in Weiß ebenfalls...
Die St. Sebastianschule ist die erste Grundschule in NRW, die Schach als Pflichtfach in den Lehrplan aufgenommen hat. Eine Studie der Uni Trier hat Schulleiter Engelbert Sanders für das Thema Schach-Unterricht sensibilisiert. Die Hochschule stellte in ihrer wissenschaftlichen Betrachtung vier Jahre lang zwei vergleichbare Schulen gegenüber. In der einen gab es Schach als Schulfach, in der anderen nicht. Die Erkenntnis der Wissenschaftler war eindeutig: "Es wurde deutlich, dass sich die Leistungen der Schach-spielenden Kinder nicht nur im Fach Mathematik, sondern vor allem im Fach Deutsch deutlich verbessert hatten, zum Beispiel beim Sprachverständnis", so Sanders. Beim Sprachverständnis lag das Niveau auf dem dreifachen Wert des Landesdurchschnitts, die mathematischen Fähigkeiten stiegen laut Studie auf das Doppelte.
Mit dem passionierten Schachspieler und Konrektor Manfred Grömping verfügt die Raesfelder Grundschule schon seit Jahren über einen absoluten Fachmann und Förderer des Schachsports. Schach-AGs und erfolgreiche Turnierteilnahmen sowie Meistertitel zeugen davon. "Besonders überraschend war, dass sich die Elternvertreter einstimmig für die sofortige Einführung als Pflichtfach ausgesprochen haben", betont Grömping. Und: Gefreut hat er sich auch über die großzügige Ausstattung, die ein Heidener Schachartikelhersteller gesponsert hat, um das Angebot realisieren zu können. Mittlerweile erteilen acht Lehrerinnen und Lehrer das Pflichtfach Schach Noten werden aber (noch) nicht vergeben..
Auf dem Schachbrett haben sich die Reihen derweil etwas gelichtet. Turm-schwarz schaut sich die Szenerie bereits von draußen an. Ein gegnerisches Pferd war eine Nummer zu groß für ihn. Sein Kollege in Schwarz darf noch mitwirken als strategische Waffe. Die beiden Türme in Weiß wollen das Spielgeschehen ebenfalls noch in ihrem Sinne beeinflussen...
Apropos Sinne: Die positive Auswirkung des Schachspiels auf die geistige Fitness ist unumstritten. Das königliche Spiel hilft, den Geist zu trainieren und auch Demenzen entgegenwirken beziehungsweise lindern zu können.
Im November wollen die Viertklässler und einige Lehrer zur "Schacholympiade" nach Dresden fahren. 152 Nationen nehmen an der Schacholympiade 2008 in Dresden teil, der bislang größten Schacholympiade. An der Elbe werden laut Organisationsangaben mehr als 2000 aktive Schachspieler beim Vielvölkerturnier vom 12. bis 25. November antreten.
Mit den 152 angemeldeten Nationen überbietet Dresden die vorige Olympiade 2006 in Turin um sieben weitere Länder.