Eine Schule für jeden - wie er sie braucht

Markus Kurth
Markus Kurth


-job- Kreis Borken. Das Thema „Inklusion“ klingt eigentlich nicht danach, als ob man damit einen großen Saal füllen könnte. Und doch kamen am Montagabend mehr als 200 Eltern, Erzieher, Lehrer und andere Betroffene in den Festsaal von Haus Hall in Gescher. Sie waren gekommen, um darüber zu diskutieren ob, wie von den UN gefordert - behinderte Kinder vollständig ins normale Schulsystem und den Unterricht eingegliedert werden sollen (Inklusion), oder ob es für sie auch weiterhin Förderschulen geben soll. Aufs Podium hatte dazu Haus-Hall-Direktor Dr. Thomas Bröcheler Markus Kurth und Norbert Heßling gebeten. Kurth ist behindertenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen und für eine konsequente Umsetzung des Rechts auf gemeinsamen Unterricht. Heßling ist Leiter einer Förderschule in freier Trägerschaft und deren Sprecher auf Bistumsebene.

„Unsere Positionen liegen gar nicht so weit auseinander“, nahm Heßling zu Beginn der gut zweistündigen Veranstaltung all jenen den Wind aus den Segeln, die einen allzu kontroversen Schlagabtausch pro und contra Inklusion/Förderschulen erwartet hatten. Und auch jene Eltern, die das schnelle „Aus“ für die Förderschulen befürchten, konnten die Experten auf dem Podium wenigsten etwas beruhigen: Es werde noch viele Jahre lang eine Parallelität von Regel- und Förderschule geben, so Bröcheler.



Norbert Heßling
Norbert Heßling


Gleichwohl machte Kurth in seinem Statement deutlich, dass er sich dafür einsetze, alle Schulen für behinderte Kinder zu öffnen. Ein erster Schritt dazu müsse sein, dass Eltern ein vollständiges Wahlrecht hätten, ihre Kinder auf die Schule zu schicken, die sie für die richtige hielten. Der Grünen-Politiker machte deutlich, dass für ihn ein frühzeitiges „Sortieren“ von Kindern in die einzelnen Schulformen vorhandene Ungleichheiten noch verstärke. Man könne das heutige System mit den Förderschulen „nicht von heute auf morgen einreißen“, aber den „Unterricht gemeinsam Stück für Stück gemeinsam gestalten.“ Dreh- und Angelpunkt sei aber, dass eine gemeinsame Beschulung von der Politik nicht genutzt werden dürfe, Geld zu sparen.


Können behinderte Kinder im Regelschulsystem zurecht kommen, oder droht ihnen dort das Abseits? Diese Frage treibt Eltern betroffener Kinder um.
Können behinderte Kinder im Regelschulsystem zurecht kommen, oder droht ihnen dort das Abseits? Diese Frage treibt Eltern betroffener Kinder um.
(Fotos: Barnekamp/Archiv)


Heßling machte im Anschluss deutlich, dass aus seiner Sicht ein gemeinsamer Unterricht nicht für alle möglich sei. „Behinderte Kinder wolle auch mal der Schnellste sein und nicht immer der Letzte“, machte Heßling deutlich, dass diese Kinder Schonräume bräuchten. Sie dürften auf der Regelschule nicht „Sozialmaskottchen“ für nicht behinderte Schüler sein. „Nichts ist ungerechter als die gleiche Behandlung Ungleicher“, so der Förderschul-Leiter. Er wandte sich gegen Medienberichte, die die Förderschule verunglimpften und plädierte für ein Nebeneinander: „Ein inklusives Schulsystem mit Förderschulen. Wir brauchen beides“, sagte Heßling.

In der anschließenden Diskussion machten Eltern deutlich, dass sie fürchteten, dass Lehrer von den Förderschule abgezogen würden, um an Regelschulen eingesetzt zu werden. Eine Mutter sagte, sie beharre darauf, für ihren Sohn einen „Schonraum“ zu haben - auf einer Förderschule. Eine andere Mutter hingegen sagte, für sie sei es eine Selbstverständlichkeit, dass sie das Recht erwirke, ihr an Down-Syndrom leidendes Kind an der Schule der gesunden Geschwister anzumelden. Andere Stimmen aus dem Publikum plädierten dafür, den ohnehin wegen sinkender Schülerzahlen anstehenden Wandel im Schulsystem zu nutzen, um zur Inklusion zu kommen.

Einig war man sich am Ende mit dem Fazit von Dr. Thomas Bröcheler: „Jedes Kind muss das bekommen, was braucht - unabhängig davon, wo es zur Schule geht.“Zum Thema


13 · 04 · 10



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