Akrobatik und Abgründe


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(Oliver Hengst)


Greven - Ob Werner das geahnt hat, als er sich einen Platz in der ersten Reihe aussuchte? Klar ist: Den Abend wird er so schnell nicht vergessen. „Jedes Jahr bekommt das Storno, das es verdient“, hatte Jochen Rüther anfangs versprochen. Und Werner bekam ein ganz besonderes Storno. Ein sehr individuelles, weil er selbst eine tragende Nebenrolle übernahm, als die drei Kabarettisten am Donnerstag im Ballenlager mit dem Jahr 2011 abrechneten. Einmal hatte Werner - heute weiß er: an der falschen Stelle - seinen Namen offenbart, und schon musste er für den Rest des Abends als running Gag herhalten. Jeder Bundesbürger hat im Schnitt 25 000 Euro Schulden? Werner also auch! Jeder zwanzigste Mann wechselt nur einmal pro Woche die Unterhose? Werner, Werner . . .

Dafür hatte der liebevoll Gescholtene aber auch beste Sicht auf die Bühne und jene unvergleichliche Gesichtsakrobatik, die auch im aktuellen Abrechnungs-Jahr fester Bestandteil des Storno-Repertoires ist. Besonders Thomas Philipzen und Harald Funke glänzen als Meister dieses Faches. Wenn sie ihre Muskeln rund um Stirn, Nase und Mundwinkel in Bewegung setzten, taten sich in ihren Antlitzen wahre Abgründe auf. Als das Trio etwa die heute übliche Theatralik auf dem Fußballplatz aufs Korn nahmen, gerieten die Szenen wegen eben jener mimischen Glanzleistung zu einem Highlight des Abends. Das mit Worten beschreiben? Unmöglich.


Dass die Veranstaltung, die 400 Besucher nach Greven lockte, von der Volksbank Greven präsentiert wurde, hielt das Kabarett-Trio nicht davon ab, jede Menge Hohn und Spott über den Berufsstand der Banker auszuschütten. Den Anlegern stand das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals, doch die WestLB habe statt zum Rettungsring zu greifen „geschlossen eine Arschbombe gemacht“, ätzte Rüther. „Danach sollten da Köpfe rollen. Man hat aber nur Ärsche gefunden.“

Ob Klimawandel, royale Hochzeit (im „britischen Zirkus Krone“), arabischer Frühling (Funke: „Ist das nicht ein Deoroller?“) oder Rating-Wahn - der Abend glich einem Parforceritt durchs Jahr. Philipzen: „Die Überraschung des Jahres war ja der Moslem. Da sagt die Tagesschausprecherin: Der Moslem will Demokratie. Ich dachte, gleich sagt sie: Hera Lind will den Literaturnobelpreis.“

Weiter ging es über die Kanzlerin und Parteiengezänk bis zum Weltuntergang. Funke: „So stehts im Biene-Maja-Kalender.“ Rüther: „Wir werden alle sterben. Jopi Heesters hat letzte Zweifel beseitigt.“ Ehec („Das Gemüse wollte uns umbringen“) hat nichts von seinem bedrohlichen Schrecken verloren. Rüther: „Ich steige auf keine Leiter mehr, alles voller Sprossen.“

Von Ober- auf Extraklasse wechselte das Niveau immer dann, wenn das Trio die vorher abgesprochenen Pfade verließ, sich verleiteten ließ, abzudriften, zu fabulieren und zu improvisieren. Vor allem Funke hatte sichtlich Spaß daran, seine Kollegen mit dem ein oder anderen spontanen Einfall aus der Reserve zu locken. Dem Publikum gefiels. Ahnte es doch, dass keiner der vielen Storno-Auftritte wie der andere ist und Greven eine ganz eigene Variante zu sehen bekam. Vor allem natürlich Werner . . .

VON OLIVER HENGST, GREVEN


03 · 02 · 12





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