Lokalvideo auf mazzTV.de: Marktschreier machen Ibbenbürener Neumarkt unsicher

Wurst-Achim, wie er leibt und lebt: Das Marktschreier-Urgestein und Aushängeschild der Branche brachte am Wochenende wieder kiloweise Salami, Kaiserfleisch, Schinken und andere Fleisch-Leckereien an den Mann.
(Fotos: André Elshoff)
Ibbenbüren. Gerade als man dachte, nach sieben Wochen „Ibb on Ice“ kehrt auf dem Neumarkt wieder so etwas wie Ruhe ein, rollen auch schon die Marktschreier mit ihren Lastern über das rote und graue Pflaster. Die echte Gilde der Marktschreier, um genau zu sein.
Auf diesen Zusatz legen „Wurst-Achim“, „Aal-Ole“, „Käse-Rudi“ und wie sie alle heißen durchaus Wert. Fest steht: Sie machen ordentlich Rabatz. Zweieinhalb Tage lang. Alles für ein Ziel: So viel Ware wie möglich an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen.

Lokalvideo auf mazzTV.de: Seit Freitagnachmittag schallen ihre Sprüche über den Neumarkt: Die Marktschreier haben Ibbenbüren erreicht.
Zugegeben, der Auftakt am Freitagnachmittag ist verhalten. Erst langsam füllt sich der Neumarkt mit potenzieller Kundschaft. Es ist bitterkalt. Bürgermeister Heinz Steingröver erscheint pünktlich. Zusammen mit Joachim Borgschulze, Chef-Organsiator der Marktschreier-Gilde, erklärt er das lautstarke Spektakel offiziell für eröffnet. Zum Auftakt gibts Matjes und Bier für alle - gratis, versteht sich.
Wer noch nie bei so einem Marktschreier-Wettbewerb dabei war, fühlt sich schnell unterhalten: von der Spontanietät der Protagonisten auf ihren Verkaufswagen, ihren flotten bis derben Sprüchen, ihrer Kunst, selbst dem schier widerwilligsten Kunden noch Ware anzudrehen.
Auch wenn sich viele Medien stets nur auf ihn stürzen - „Wurst-Achim“ ist zweifellos das Paradebeispiel eines Marktschreiers, das Aushängeschild einer Branche, an der die Wirtschafts- und Finanzkrise auch nicht spurlos vorbeigegangen ist. Daraus macht der 50-Jährige keinen Hehl. Zeit, sich darüber aufzuregen, bleibt ihm nicht. Sein Arbeitsmotto könnte lauten: Ohne Fleiß keinen Preis.

Wen Käse-Rudi nicht sofort überzeugen konnte, der durfte auch gerne erst einmal von den Produkten kosten.
Das wird an diesem Wochenende in Ibbenbüren deutlich. „Wurst-Achim“ verliert keine Minute, hat nach Markt-Öffnung als Erster das Mikrofon um seinen Hals geschnallt und legt gleich los wie die Feuerwehr. Kaum vorstellbar, dass der Mann mit dem losen Mundwerk in seinem Leben schon so viele andere Dinge gemacht hat. „Bevor ich vor 21 Jahren mit dem Marktschreien anfing, hatte ich bestimmt 30 Jobs.“ Achim war Berufskraftfahrer, Einzelhandelsverkäufer in der Herrenbekleidung. Wirklich ausgefüllt haben ihn all diese Tätigkeiten nicht und deshalb war es für den gebürtigen Niedersachsen so etwas wie eine Erlösung, als er „rein zufällig“ zu den Marktschreiern kam. „Die suchten Nachwuchs, ich habs probiert und bin dabei geblieben.“
Was so einfach klingt, ist ein Knochenjob. Wer es vorher nicht glauben wollte oder keine Ahnung hatte, dem fällt es spätestens dann wie Schuppen von den Augen, wenn er - wie am Wochenende auf dem Neumarkt - hautnah dabei ist.

Fisch gefällig? Am Wagen von „Aal-Ole“ gab es jede Menge davon.
(Fotos: André Elshoff)
Während bei „Wurst-Achim“ und „Kuchen-Ulrich“ die Geschäfte am Samstagnachmittag ganz gut laufen, bildet sich vor dem Wagen des Obstverkäufers keine Menschentraube. Liegt es am Sortiment, an den Fähigkeiten des Marktschreiers, an seiner Tagesform? Infrage kommen viele Faktoren. „Den Kunden interessiert es nicht, wenn man mal einen schlechten Tag erwischt hat“, weiß „Wurst-Achim“ aus Erfahrung z berichten. „Da muss man sich etwas einfallen lassen, einfach positiv denken, um besser zu sein als die anderen.“
Auch wenn er sich mit seinen Kollegen privat gut verstehe: „Bei der Arbeit gibts Feuer.“ Soll heißen: Das gegenseitige verbale Geplänkel mit derben Sprüchen an die Konkurrenz („Würde ich die Leute betrügen, wäre ich Käseverkäufer!“, „Wurst-Achim“) sollen natürlich das Volk unterhalten, am Ende des Tages aber auch dazu beigetragen haben, mehr Scheine zählen zu können als die Konkurrenz. Und „Wurst-Achim“ warnt: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“