Startpaket: Zwei Garnituren Arbeitskleidung in einem Wäschesack erhielt jeder der Neuzugänge. (Fotos: Anke Beiing)
Ibbenbüren - Die Stimmung war gedämpft. Die tatsächliche Gemütslage in den ernsten Gesichtern der Männer kaum zu ergründen. 80 Bergleute aus dem Saarland traten Dienstagmorgen ihren Dienst bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH an.
Für die meisten war es ein schwerer Gang, fernab ihrer Heimat an der französischen Grenze nun einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Und dennoch: Auf der anderen Seite steht die berufliche Zukunft, die es in der saarländischen Zeche, die am 30. Juni 2012 geschlossen wird, für sie nicht mehr gibt.
„Das Bauchgefühl ist eher flau“, beschrieb Peter Schrimpf, Vorstandsmitglied der RAG-Aktiengesellschaft, bei der Begrüßung am Nordschacht die Gefühle der Kumpel. Zwar habe es im Bergbau schon viele Verlegungen von Mitarbeitern gegeben. Doch diese habe eine Größenordnung, die neu sei. Wenn an der Ruhr Bergleute verlegt würden, könnten sie ihre neue Arbeitsstelle normalerweise gut von zu Hause mit dem Auto erreichen. Das sei diesmal jedoch nicht möglich. Ein Umzug unumgänglich.
Zwar hätten die Männer bereits 2008 zur Kenntnis genommen, dass in zwei Jahren an der Saar Schluss sei. „Jetzt hier die erste Schicht zu machen, ist aber eine andere Nummer“, zeigte Schrimpf Verständnis für die Situation der Männer und sprach ihnen gleichzeitig Mut zu: „Ich freue mich, dass ihr hier seid“, sagte er. „Wir brauchen euch, denn wir wollen in Ibbenbüren noch lange Kohlen fördern und viele Meter auffahren.“
Angekommen: Markus Weischel hat seine Arbeitskleidung bekommen und ordentlich an seinem Haken in der Schwarzkaue aufgehängt. (Fotos: Anke Beiing)
Diese Freude teilte auch Wilfried Woller, Arbeitsdirektor der RAG Anthrazit Ibbenbüren, der betonte, dass die Zeche absolut auf die neuen Mitarbeiter von der Saar angewiesen sei.
Insgesamt sollen etwa 700 der knapp 1700 Mitarbeiter des Bergwerks in Ensdorf bei Saarlouis nach Ibbenbüren verlegt werden. Bereits im Herbst werden die nächsten 90 erwartet. Die 80 Kumpel, die gestern ihren Dienst angetreten haben, sind alle Untertage beschäftigt. Nach der offiziellen Begrüßung wurden sie in vier Gruppen aufgeteilt und in ihren neuen Arbeitsplatz eingewiesen.
Außerdem händigte ein Mitarbeiter jedem einen Wäschesack mit zwei Garnituren Arbeitskleidung aus. Damit bewaffnet, belegten die Saarländer ihre Haken in der Schwarz- und Weißkaue.
An der zweiten Station erhielten die Neuzugänge ihre Werksausweise. Anschließend ging es zur Brandschutz- und CO-Filterunterweisung. Zum Schluss lernten sie die Reviersteiger - also ihre direkten Vorgesetzten - kennen. Damit war der erste Arbeitstag der saarländischen Kumpel in Ibbenbüren beendet.
Mittwoch geht es richtig los. Die Neuzugänge werden in Arbeitsgruppen aufgeteilt zusammenbleiben. Zu den Gruppen kommen Ibbenbürener Stammkräfte hinzu.
Schonfrist: Gestern blieben die Saarländer noch Übertage. Neben der offiziellen Begrüßung mussten viele organisatorische Dinge erledigt werden. (Fotos: Anke Beiing)
Die RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH hat derzeit etwa 2300 Mitarbeiter. „Die Saarländer decken unseren Personalbedarf“, betonte RAG-Sprecher Dr. Peter Goerke-Mallet. „Sie sind gestandene Fachleute, und wir brauchen sie.“ Die 80 Neuzugänge, die vor allem in Mettingen und Ibbenbüren Wohnungen gefunden haben, bedeuten keine Erhöhung der Mitarbeiterzahl auf der Zeche. Diese wird über Anpassung, das bedeutet den Eintritt in den Vorruhestand, konstant gehalten.
„Wir werden alles tun, dass euch der Einstieg hier leicht fällt“, sagte Peter Schrimpf. Zur moralischen Unterstützung waren gestern daher auch Walter Fuss, Direktor für Personalfragen des Bergwerks Saar, und der dortige Betriebsratsvorsitzende Hans-Jürgen Becker nach Ibbenbüren gereist. Und dennoch stand für alle außer Frage: Der Gang von der Saar zur Aa, war für die Kumpel am gestrigen Tag alles andere als leicht.