Ladbergen - Irmgard und Franz Kleimann verstehen die Welt nicht mehr. Innerhalb von vier Monaten ist auf ihre Katze „Tammy“ zwei Mal mit einem Luftgewehr geschossen worden. Mitten im Wohngebiet „Sandkamp“, am helllichten Tag, jeweils sonntags. „In unseren Augen kann das nur ein Katzenhasser sein.“ Irmgard Kleimann ist die Sorge um das Leben ihres vierbeinigen Familienmitglieds ins Gesicht geschrieben.
Auf dem Sofa sitzend hält sie die hübsche Samtpfote in ihren Armen. Das Tier ist von den Anschlägen gezeichnet.
Der erste Vorfall ereignete sich im April, Sonntagnachmittag gegen 15.30 Uhr. „Tammy kam reingeschossen durch die Terrassentür und legte sich dann auf die Fliesen“, berichtet Franz Kleimann. Das Ehepaar hat sich das Tier genauer angeschaut, der Hausherr hat auf einmal Blut an den Händen. „Wir wussten erst gar nicht, ob das ein Einschlussloch ist ?“ Irmgard Kleimann zeigt auf die Stelle am Rücken des Tieres. Unter Vollnarkose entfernte ein Tierarzt das Geschoss. Die Operation kostet die Eheleute 100 Euro. Viel Geld, doch das ist nicht der Grund, warum die Kleimanns bei der Polizei Anzeige erstatteten. Mittlerweile liegt der Fall nach Auskunft von Udo Potthoff, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Steinfurt, bei der Staatsanwaltschaft Münster. Die Anklagebehörde habe jedoch keine Ermittlungsansätze und Verursacher ausfindig gemacht. Gemeinhin werden solche Verfahren nach einem gewissen Zeitraum eingestellt.
Liebevoll nimmt Irmgard Kleimann ihre „Tammy“ auf den Arm. Die Samtpfote ist längst ein vollwertiges Familienmitglied. Foto: (Karin C. Punghorst)
Jetzt ist ein zweites Mail auf „Tammy“ geschossen worden. Am 1. August, wieder ein Sonntag, zwischen 13 und 14 Uhr. „Tammy humpelte von der Terrasse ins Wohnzimmer. Wir dachten erst, dass sie sich ein Pfötchen gebrochen hat. Dann haben wir das Blut auf dem Handtuch gesehen, auf dem sie lag.“ Beim Erzählen holt Irmgard Kleimann die schlimme Erinnerung erneut ein. „Wir haben gesehen, wie sie gelitten hat, sie war so am japsen.“ „Tammy“ muss eine Nacht in der Tierklinik in Greven bleiben. Das Tier wird untersucht, es muss geröntgt werden. Die Behandlung kostet 180 Euro. Das Projektil ist immer noch im rechten Vorderlauf. „Wäre die Kugel nicht im Knochen stecken geblieben, hätte sie das Herz getroffen. Dann wäre sie eindeutig gestorben.“
„Tammy“ lebt und erfreut nach wie vor ihre Besitzer. Zweieinhalb Kilo wog die Katze, als Kleimanns sie im Februar dieses Jahres aus dem Tierheim in Lengerich holten. Mensch und Tier gewöhnen sich rasch einander. Die heitere Samtpfote tröstet Irmgard Kleimann über eigene gesundheitliche Beschwerden hinweg. Abends liegt das verschmuste Tier auf der Sofalehne. Die Hausherrin päppelt die Katze auf. Inzwischen wiegt sie viereinhalb Kilo. Tagsüber entdeckt der Vierbeiner das Viertel und die Nachbarschaft. Abends kommt sie immer nach Hause und bleibt über Nacht.
„Wir haben mittlerweile Angst, sie rauszulassen“, macht sich Franz Kleimann Sorgen. Seine Ehefrau sieht das genauso, gibt aber zu bedenken, „Tammy fordert seine Freigänge aber ein.“
Wieder erstattet das Ehepaar Anzeige. „Die Ermittlungen sind aufgenommen“, mehr sagt Polizeipressesprecher Potthoff nicht, um die Arbeit der Kollegen vor Ort nicht zu beeinträchtigen. Nur so viel: „Wir nutzen alle Möglichkeiten, um an den Schützen heranzukommen.“
Auch die Kleimanns haben sich in der Nachbarschaft umgehört. Die Eheleute leben seit 1991 in dem Wohngebiet. Sie haben dort Freunde, die Nachbarschaft ist gut. „Hier leben wohl ein Dutzend Katzen die als Freigänger auf der Straße sind“, weiß Irmgard Kleimann.
Etliche Nachbarn hätten sich betroffen ob der Vorfälle gezeigt. Warum ausgerechnet Tammy? Das Ehepaar glaubt, dass hinter beiden Schüssen der gleiche Täter steckt. „Das ist ein Nicht-Gönner“, vermuten die zwei.
Dabei ist „Tammy“ offiziell eine ganz normale europäische Kurzhaarkatze aus dem Tierheim. Eigentlich nichts Besonderes. Auffällig ist jedoch ihre Ähnlichkeit mit der französischen Rassekatze „Chartreux“ (deutsch: Karthäuser). Dafür sprächen ihre bernsteinfarbenen Augen und die besondere Zeichnung des Fells: drei Pfoten sind grau, eine und das Lätzchen am Hals apricot.
Herkunft und Abstammung scheinen für die Kleimanns jedoch nicht wichtig zu sein. Hauptsache ihre „Tammy“ ist und bleibt gesund. Das Tier erhält immer noch Medikamente. Die körperlichen Wunden heilen, das Entsetzen bleibt: „Man schießt nicht auf Lebewesen“, vertritt Irmgard Kleimann ihren Standpunkt und fragt: „Was ist, wenn mal ein Mensch getroffen wird ?“