Landwirteforum 2011

Bauern zwischen Welt- und Wochenmarkt


Die Getreideproduktion hat sich in den vergangenen 40 Jahren mehr als verdoppelt und wird nach Expertenmeinung auch in Zukunft steigen - bei nur geringfügig wachsender Anbaufläche.Foto:
Die Getreideproduktion hat sich in den vergangenen 40 Jahren mehr als verdoppelt und wird nach Expertenmeinung auch in Zukunft steigen - bei nur geringfügig wachsender Anbaufläche.Foto:
(Jürgen Peperhowe)


Westerkappeln - Das Auge fürs Detail verstellt zuweilen den Blick auf das große Ganze. Das gilt auch für das Beziehungsgeflecht von Landwirtschaft und Klimaschutz. Wenn hierzulande über nachhaltigen Ackerbau, Bioenergie oder Tierschutz debattiert wird, interessiert das den Rest der Welt womöglich gar nicht. „Wer wirtschaftlich unbedeutend ist, darf den Mund nicht zu voll nehmen“, sagt Prof. Dr. Folkhard Isermeyer. Und er meint damit auch Deutschland. Denn in der Agrarwirtschaft gäben längst andere Nationen den Ton an, machte der Wissenschaftler am Freitag beim Land­wirteforum 2011 der Volksbank Westerkappeln-Wersen deutlich.

„Zwischen Welt- und Wochenmarkt - überfordern wir unsere Landwirtschaft?“, lautete die Fragestellung seines Fachvortrages. Isermeyers Antworten im „Kuckucks-Nest“ zogen dabei einige erstaunliche Schlussfolgerungen nach sich.


Zunächst einmal sind die ökonomischen Perspektiven für die deutschen Bauern gar nicht so schlecht. Zwar produzierten diese überwiegend für den heimischen Markt, aber nach den Regeln des Weltmarktes. Und dieser boome nachhaltig. Bei den Preisen sei die Europäische Union mittlerweile am Weltmarkt angekommen. Und dort sei langfristig mit einem hohen Preisniveau zu rechnen.


Prof. Dr. Folkhard Isermeyer war von 1990 bis 2007 Leiter der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) Braunschweig. Seit 2009 ist er Präsident und Leiter des Johann Heinrich von Thünen Instituts (vTI) in Braunschweig. Das Institut ist nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das nach dem Ökonomen und Agrarwissenschaftler Johann Heinrich von Thünen benannte Institut forscht fachgebietsübergreifend mit dem Ziel der nachhaltigen Weiterentwicklung der Land-, Forst- und Holzwirtschaft sowie der Fischerei. Das vTI erarbeitet als Ressortforschungseinrichtung wissenschaftliche Grundlagen als Entscheidungshilfe für die Politik der Bundesregierung.

„Die Musik spielt aber mittlerweile in Asien“, betont Isermeyer. In den vergangenen vierzig Jahren sei die weltweite Anbaufläche für Getreide und andere pflanzliche Produkte nahezu konstant geblieben, die Erträge hätten sich aber verdoppelt.

Dabei sei der Produktionsanteil der europäischen Landwirtschaft seit 30 Jahren von 33 auf 18 Prozent gesunken. „Das ist normal. Die Produktion steigt vor allem dort, wo die Nachfrage wächst.“ Aufgrund der rasant wachsenden Geburtenzahlen sei das in der Vergangenheit vor allem in Asien der Fall gewesen. Für die Zukunft rechneten Experten damit, dass diese Dynamik sich vor allem in Afrika und Südamerika fortsetze.

Die deutsche Agrarwirtschaft habe sich in den vergangenen Jahren - im Gegensatz zu vielen anderen Staaten der EU - positiv entwickelt. Beispiel Fleisch: Brasilien sei mittlerweile der größte Exporteur, die EU - einstmals Selbstversorger - Importeur. Immerhin: „Deutschland ist zum Netto-Exporteur geworden“, erläutert der Fachmann.

In 40 Jahren werden nach Schätzungen zwei Milliarden Menschen mehr zu ernähren sein. Der Getreideanbau werde bis dahin um 70 Prozent steigen, die Fleischproduktion - auch infolge wachsenden Wohlstands in den Schwellenländern - vermutlich sogar verdoppelt. Andererseits werde die Anbaufläche nur relativ gering zunehmen.

„Wenn es nur um die Nahrungs- und Futtermittel ginge, könnte die Weltbevölkerung ernährt werden, ohne dass die Preise explodieren“, sagt Isermeyer. Aber gleichzeitig steige der weltweite Energiehunger. Immer mehr Fläche werde aus der Nahrungsmittelproduktion zugunsten der Bioenergie herausgenommen.

Tendenziell werden die Agrarpreise deshalb steigen, glaubt der Wissenschaftler. Das Leben werde auf Dauer aber nur für die Landwirte leichter, die Grund und Boden haben. „Denn der ist nicht vermehrbar“, gibt Isermeyer zu bedenken.

Deutschland werde weiter eine flächendeckende Landwirtschaft brauchen, lautet seine Einschätzung. Die Frage sei, was und wie diese produzieren soll. „Die Landwirte müssen sich am Weltmarkt orientieren, es sei denn, sie produzieren für den Wochenmarkt.“

Den Strukturwandel bestimmten die Bauern daher selbst, nicht die Politik. Dabei müsse sich die Gesellschaft auch unangenehmen Fragen stellen. Wie hält sie es mit der Bioenergie ? Was ist mit der sogenannten Massentierhaltung ? „Wir stehen auch in der Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren und nicht einfach die Produktion irgendwelchen Märkten hinterherlaufen zu lassen“, erklärt Isermeyer und zitiert einen Kollegen: „Wer Hunger hat, kennt nur eine Sorge. Wer satt ist, hat viele Sorgen.“

VON FRANK KLAUSMEYER, WESTERKAPPELN


02 · 12 · 11



MEHR ZUM THEMA




TOP ARTIKEL
Topartikel Icon
TERMINSUCHE


Zeitraum:
von Kalender

Fehler: Kein kein gültiges Datum !
Format: dd mm yyyy
bis Kalender
Rubrik:


© Münsterländische Volkszeitung - Alle Rechte vorbehalten 2012

Impressum | Datenschutz | AGB | Sitemap
Media-Daten | Netiquette