Aktionen von Kirche und Caritas gegen Flüchtlings-Abschiebungen

„Bei Kindern dürfen
wir nicht schweigen“


In der Kirchengemeinde St. Anna werden Unterschriften gegen Flüchtlings-Abschiedungen gesammelt.
In der Kirchengemeinde St. Anna werden Unterschriften gegen Flüchtlings-Abschiedungen gesammelt.


Neuenkirchen. Die Angst ist immer da. Kommen sie wieder? Nachts, mit Bussen und Polizei, um uns zum Flughafen zu bringen und abzuschieben? Viele Flüchtlings-Familien aus dem Kosovo hat es in den vergangenen Wochen erwischt, einige konnten untertauchen, auch in Neuenkirchen (MV berichtete). „Auf die Dauer macht die Ungewissheit krank. Wir dürfen nicht länger schweigen, wenn unschuldige Kinder darunter leiden und traumatisiert sind“, da sind sich Else Heßling und Schwester Giselhild vom Sozialbüro einig.

„Traumatisiert, das sind die Kinder. Ein Sechsjähriger nimmt von uns nicht einmal einen Bonbon, weil er denkt, wenn das ´rauskommt, muss er in den Kosovo“, sagt Schwester Giselhild. Nicht gegen die Praxis der Behörden, sondern für die Rechte der Flüchtlinge treten nun die evangelische Kirche in Deutschland, die Katholische Deutsche Bischofskonferenz und ihre Wohlfahrtsverbände Diakonisches Werk und Deutscher Caritasverband ein. Sie verlangen die Beendigung der Kettenduldung, das heißt, dass sich die Flüchtlinge alle drei Monate im Amt melden müssen, um die Duldung zu verlängern. Sie fordern seit Jahren, die Kettenduldungen zu beenden und Ausländern, denen eine Ausreise nicht zugemutet werden kann, eine Aufenthaltsperspektive zu geben.


Auch Vertreter der Parteien im Bundestag sprachen sich im September in einer Podiumsdiskussion in Rheine für das Bleiberecht aus. Darin brachte es Volker Maria Hügel von „pro Asyl“ auf den Punkt: „Wenn wir sie abschieben, versündigen wir uns.“ (MV berichtete).

Der Fall einer alleinstehenden Mutter in Neuenkirchen ist nicht außergewöhnlich: Der Vater der Kinder darf sie nicht heiraten, weil die Unterlagen durch die Kriegswirren im Kosovo unvollständig sind. Besuchen darf er sie auch nicht, weil die Bewegungsfreiheit der geduldeten Flüchtlinge stark eingeschränkt ist.

Im Kosovo haben sie erst recht keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, die Kinder, die ja nur Deutsch sprechen und hier in der Schule gute Noten haben, keine Chancen auf Bildung, sagte Else Heßling von der Pfarrcaritas. „Und wenn sie dann noch Roma sind, können sie sich keineswegs sicher fühlen, wie gewalttätige Übergriffe im Sommer dieses Jahres belegen.“

„Was bleibt bei solchen Aussichten, außer unterzutauchen?“, fragt Schwester Giselhild. Die Kinder mussten ruhig sein und sich verstecken. Was das für Kinder bedeutet, darauf ist Kaplan Michael Ehrle am Sonntag, dem Weltmissionssonntag, ausgiebig in seiner Predigt eingegangen. „Mission heißt nicht nur der Blick in ferne Länder. Mission beginnt vor Ort!“, sagte er, „Familien leben hier seit vielen Jahren, deren Kinder hier geboren sind, und sich nichts zuschulden haben kommen lassen, was eine Abschiebung rechtfertigen würde!“ Und Kaplan Ehrle fügte hinzu: „Keinen inneren Frieden zu haben, macht einen verrückt! Wer von denen, die solche Gesetze erlassen haben, hat jemals an die Kinderseelen gedacht, die in besonderer Weise unter dieser Angst leben müssen?“

In den Kirchen und in Vereinen werden Unterschriften gesammelt, bis Dienstagmorgen haben über 360 Mitbürger für ein Bleiberecht für langfristig geduldete Menschen ausgesprochen. Die Listen liegen in St. Josef und in St. Anna aus. Sie werden an die Ausländerbehörden und politischen Vertreter in Kommune, Land und Bund weitergegeben. Auch das Presbyterium der Gnadenkirche wird sich des Themas annehmen, bestätigte Pfarrer Wulf der MV.

www.proasyl.de
www.aktion-bleiberecht.de
www.interkulturelle
woche.de

VON STEFAN KÖSTERS


28 · 10 · 09



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