Neuenkirchen. Wissen Eltern, was in den Köpfen heutiger Teenies zum Thema Sexualität vorgeht? Ein Thema, bei dem Erwachsene nicht einmal untereinander offen reden, wie soll man da mit den Kindern reden? Seit der eigenen Entwicklung hat sich viel gewandelt - in den Medien ist Sexualität und Nacktheit rund um die Uhr präsent, scheinbar enttabuisiert. Wo sind da noch die alten Werte? Wie kann ich meine Tochter, meinen Sohn auf die richtige Weise, mit den richtigen Werten, mit dem richtigen Tonfall begleiten? Wie gehe ich selber mit dem Thema um? Diese Fragen wurden in der Kolping-Vortragsreihe „Ehe und Familie“ am Dienstagabend im Karl-Leisner-Haus sehr direkt, ganz persönlich und teilweise sehr intim diskutiert.
Eingeladen war Sexualpädagogin und Supervisorin Ann-Kathrin Kahle vom Sozialdienst katholischer Frauen Münster. Sie ist dort auch in der Schwangerschaftsberatung tätig. „Aufklärung gab es früher nicht“, sagen die Teilnehmer unisono. Eine Frau wurde von ihrer Mutter an die ältere Schwester verwiesen, als sie ihre erste Regel bekam. Die wüsste alles. „Ab da ist tabu!“, zeigte eine andere Teilnehmerin ab dem Bauchnabel nach unten. Das hatte noch vor 40 Jahren der Pastor in der Schule gesagt. Nur einer der Männer erinnerte sich, dass seine Mutter ihn in den Siebzigerjahren richtig und schön aufgeklärt habe. Dabei ist die Erfahrung in diesen Jahren so wichtig.
Die erste Menstruation bedeutet vielleicht nicht gerade ein Trauma, doch aber ein einschneidendes Erlebnis für ein Mädchen. Außerdem ruft es ganz ambivalente Gefühle hervor. Auf der einen Seite Stolz: „Jetzt bin ich erwachsen, ich bin fruchtbar.“ Auf der anderen Seite ist es oft peinlich, unrein, schwierig. Im Mittel bekommen die Mädchen mit 12,2 Jahren ihre erste Regel. Die Zahl streut aber zwischen zehn und 16 Jahren. Jungs bekommen durchschnittlich mit 12,6 Jahren die erste Ejakulation. Es hat sich altersmäßig an die Mädchen angeglichen, aber es ist für sie weniger ein Thema. Viele merken ihr erstes Mal nicht einmal.
Wie wird nun ein Mädchen zur Frau, ein Junge zum Mann? Gelehrt wie Deutsch oder Mathematik in der Schule wird es ja nicht. Wie „tough“ darf ein Mädchen sich geben, ohne zu wenig fraulich zu sein? Wie weich darf ein Junge sich geben, ohne die klassische Männlichkeit aufzugeben? Ann-Kathrin Kahle hat in ihrer Praxis viele Pubertierende gefragt. „Er soll schon auch ein bisschen Macho sein, aber nicht zu viel. Wie viel, das sagen wir ihm natürlich nicht“, berichten die Mädchen. Ja prima, wie soll ein unsicherer Junge damit umgehen? „Wir möchten schon, dass die Mädchen sehr selbstbewusst sind, aber nicht so zickig!“, sagen die Jungs. Damit können die Mädchen genauso wenig anfangen.
Aufgeklärt, wie ihr Körper funktioniert, sind die meisten schon. Nur neun Prozent der Mädchen und 14 Prozent der Jungen verhüten beim ersten Mal nicht. Das klingt viel, ist aber gegenüber der Erwachsenensexualität verschwindend gering. Sie brauchen sich nicht vor der Erwachsenenpraxis zu verstecken. Gerade in der Pubertät lernen die Jugendlichen ihren Körper kennen und sich darin zurechtzufinden. Oder auch nicht. Zu dick oder zu dünn, zu wenig muskulös, ein sehr sensibler Bereich. Wenn ein Erwachsener eine abfällige Bemerkung über das Aussehen eines Jugendlichen macht, kann das eine bleibende Erinnerung hervorrufen. Ein Problem: Diejenigen, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen (zu dick, zu groß, zu unattraktiv) suchen einen Ausgleich in der Sexualität, ein Erfolgserlebnis. Nur verhüten gerade sie weniger, werden vielleicht immer jünger schwanger und landen dann in der Boulevard-Zeitung oder entsprechendem Fernseh-Journal. Ein Teufelskreis. Sie sind jedoch die große Ausnahme: Die große Mehrheit der Jugendlichen möchte, dass das erste Mal in eine Liebesbeziehung gehört. Sowohl die Jungs als auch die Mädchen. Es ist wichtig für sie; sie wollen wissen, worauf sie sich einlassen, wem sie vertrauen.
Die Kinder gehen so oder so ihren Weg. „Begleiten ja, gängeln nein“, rät Ann-Kathrin Kahle. So schwierig es für die Eltern ist, gerade in der kritischen Zeit der Pubertät brauchen die Kinder keine wegweisenden Erwachsenen, sie brauchen begleitende Kumpel.
Die Broschüre „Elternwissen Sexualität“ von Ann-Kathrin Kahle liegt im Pfarrbüro St. Anna aus und kann im Internet kostenlos bestellt werden:
www.thema-jugend.de