Für die Leiter des Betreuungszentrums St. Arnold, Iris Beckmann und Markus Beckmann, ist es immer wieder ein besonderer Moment, wenn Christoph Kemper in das Betreuungszentrum zurückkehrt. Mit seiner Mutter Maria Kemper ließ er sein Leben Revue passieren. Auf dem Foto steht er vor seinem ehemaligen Zimmer. Die Familie schaut nach seinem schweren Unfall und den großen Fortschritten wieder optimistisch in die Zukunft. (Foto: tb)
Neuenkirchen-St. Arnold. Zwischen Metelen und Schöppingen passierte 2004 der Unfall, der sein Leben, das Leben seiner kleinen Tochter, seiner Eltern, Geschwister, Freundin und Verwandten veränderte. Der damals 18-jährige Christoph Kemper war auf dem Weg zur Arbeit. Er geriet in den Gegenverkehr.
Nach dem Unfall kam er auf die Intensivstation der Uniklinik Münster. Später in die Unfallklinik Bergmannsheil nach Bochum. Das Betreuungszentrum St. Arnold war die dritte Station auf seinem Leidensweg.
Christoph Kemper hatte zunächst eine Lehre bei Kreimers Gartenpark als Verkäufer abgeschlossen. Im Anschluss machte er eine weitere Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann beim Landhandel Rabbers. Viele Neuenkirchener nahmen Anteil an seinem Schicksal. Lange lag Christoph Kemper im Wachkoma. Er durchlief viele Phasen, bis er nach anderthalb Jahren im Betreuungszentrum immer mehr Reaktionen zeigte und aufwachte.
Von da an machte Christoph Fortschritte, die ihm nach dem Unfall niemand zugetraut hätte. Seit November 2008 kann er wieder sprechen. Im Frühjahr 2009 stand er schon auf eigenen Beinen. Seit fünf Monaten ist er nun zu Hause. Und da klappte es im Oktober des vergangenen Jahres auch mit dem Schlucken.
Allerdings kann sich Kemper in der Zeit zwischen dem Unfall und seiner Rückkehr nach Hause an vieles nicht mehr erinnern. Doch das Betreuungszentrum vergisst er so schnell nicht. Seine ehemaligen Mitbewohner hat er zum Kaffee und Kuchen eingeladen, seine Pfleger zu sich nach Hause nach Offlum.
Beim Interview-Termin traf die MV Christoph Kemper und seine Mutter Maria Kemper, sowie die Leiter des Betreuungszentrums Iris Beckmann und Markus Beckmann. Mit ihnen sprach MV-Mitarbeiter Thorsten Bartsch:
Wie geht es Ihnen jetzt, nachdem Sie seit fünf Monaten zu Hause sind?
Christoph Kemper: Ich bin sehr froh, dass ich wieder zu Hause bin. Deswegen war ich ja im Betreuungszentrum, um das zu schaffen. Ich arbeite jetzt in den Emstor-Werkstätten in Rheine.
Maria Kemper: Die Emstor-Werkstätten gestalten ein sehr abwechslungsreiches Programm. Zahlen sortieren für Preisschilder, am Computer Texte abtippen oder Rechnen. Alle 14 Tage wird getöpfert. Mal geht es schwimmen. Zwischendurch gibt es regelmäßig Ergotherapie. Alles vor dem Hintergrund, dass sich Christoph weiter entwickeln kann.
Christoph Kemper: Schwimmen macht mir besonders Spaß. Allerdings funktioniert meine linke Hand noch nicht so richtig. Das finde ich nicht so gut.Und was machen Sie in Ihrer Freizeit als großer BVB-Fan?
Christoph Kemper: Wir haben leider gegen Schalke verloren. Ich kann es ja nicht ändern. Und Hummels hat von Weidenfeller einen abbekommen...
Maria Kemper: Des Öfteren sind seine Erinnerungen weg oder nur bruchstückhaft. Auch sein ehemaliges Zimmer hier im Betreuungszentrum zu finden ist noch schwierig. Mit der Zeit ist vieles besser geworden und er verbessert sich auch stetig. Aber Dortmund, das sitzt hundertprozentig.
Christoph Kemper: Ja, meistens bleibt was hängen.
Markus Beckmann: ..und was nicht schwarz-gelb ist, ist ein grüner Trecker.
Christoph Kemper: Oh ja, Trecker sind toll. Ich habe meine eigene große Siku-Treckersammlung. Ansonsten schaue ich gerne die Simpsons.
Maria Kemper: Ab und zu geht er auch mit dem Laptop ins Internet. Allerdings wenn was nicht klappt, wird er noch etwas ungeduldig. Das endet meistens dann nach zehn Minuten.
Kommen Sie denn gerne hierhin, ins Betreuungszentrum nach St. Arnold, zurück?
Maria Kemper: In der ersten Zeit war es schwierig, ihn zu einem Besuch zu motivieren. Er dachte, dass er wieder da bleiben muss.
Christoph Kemper: Aber ich kann ja wieder nach Hause fahren. Mein Berg in Offlum. Mein Zuhause. Da bin ich groß geworden. Aber es ist auch wieder einmal schön hier zu sein. Hier kennen mich alle.
Wie war es nach dem Unfall?
Christoph Kemper: Ich hab viel mit meinen Kollegen hier im Betreuungszentrum geredet, als ich reden konnte. Das sagt man mir zumindest (lächelt).
Iris Beckmann: Je mehr du am Gemeinschaftsleben teilgenommen hast, desto größer wurden deine Fortschritte.
Maria Kemper: Wir haben ihn jeden Tag besucht und sind mit ihm an die frische Luft gegangen, manchmal auch nur für ein paar Minuten. Das hat ihm gutgetan. In den Jahren haben wir sehr viel Hilfe bekommen. Verwandtschaft, Familie, Freunde. Einige Freunde haben immer zu ihm gehalten. Sie haben ihn auch in Bochum schon besucht.
Markus Beckmann: Es war schon toll, dass du jeden Tag Besuch hattest.
Christoph Kemper: Aber ich hab auch noch eine Tochter, Marie. Meine Freundin, Freunde und Eltern haben mir geholfen, dass ich wieder so werden konnte, wie ich bin. Blöder Gegenverkehr.
Wie oft sehen Sie Ihre Tochter?
Maria Kemper: Marie kommt jetzt jedes Wochenende oder alle 14 Tage zu uns.
Christoph Kemper: Muss ja auch, ist ja meine Marie.
Maria Kemper: Sie ist jetzt sechs Jahre alt und wird im Sommer eingeschult.
Christoph Kemper: Ich war letztens mit ihr einen Tornister aussuchen. Ganz schön teuer die Dinger.Woran können Sie sich noch im Betreuungszentrum erinnern?
Christoph Kemper: Auf einmal war ich da! Wo sind die letzten fünfeinhalb Jahre geblieben? Ich weiß es nicht. Aber da kennen die mich ja alle.
Maria Kemper: Den Mut verlieren darf man nie. Gehofft haben wir immer.
Welche Wünsche für die Zukunft haben Sie ?
Christoph Kemper: Ich möchte irgendwann wieder Fußball spielen können und mit meiner Querflöte zum Spielmannszug Offlum zurück. Zur Probe war ich schon.
Maria Kemper: Die Lieder von früher fallen ihm immer wieder ein. Alles hat er nicht vergessen. Da freut man sich immer wieder, wenn bei ihm etwas zurückkommt.
Was muss sich noch verbessern?
Maria Kemper: Christoph muss noch beweglicher in den Gelenken werden, Muskeln aufbauen in den Beinen. Wir üben an seiner Aussprache und Kondition. Vieles ist noch anstrengend und er wird schnell müde. Und es fehlt natürlich auch noch an der Feinmotorik. Am 12. April fahre ich mit ihm zusammen in die Reha. Das hat in der Vergangenheit immer viel geholfen. Wenn es geht, würden wir noch gerne weiter die Tabletten reduzieren.
Christoph Kemper: Ich war schon auf einem Geburtstag und beim Griechen essen. Lecker!
Maria Kemper: Er genießt jetzt sein Essen. Egal was. Gemeinsam schaffen wir auch noch alles weitere. Ein Schritt nach dem anderen auf dem weiteren Lebensweg.