Neuenkirchen. Kann die Qualität eines Kindertheaterstücks an der Lautstärke der Kinder gemessen werden? Dann liegt „Die Schatzkiste oder: Käpt’n Flintbackes Geheimnis“ ganz vorne. Von der ersten bis zur letzten Minute waren die Kinder vollauf begeistert vom trotteligen Hilfsmatrosen Stolperjan und dem schusseligen Käpt’n Flintbacke, die sich im vierten Stück des Kindertheater-Festivals gemeinsam mit den Kindern auf Schatzsuche begaben.
Wie macht der Mann das? Wie schafft es Christoph Bäumer vom „Theater Don Kid‘schote“ aus Münster, die Kinder derart in seinem Bann zu ziehen? Die erwachsenen Zuschauer seines Piraten-Stücks jedenfalls fühlten sich staunend an die alten Kasperle-Theater ihrer Jugend erinnert, bei dem die Kinder ständig schrien: „Vorsicht! Da kommt das Krokodil! Achtung, Kasperl, die böse Hexe!“ Am Mittwoch war es im Ratssaal kaum anders. Und das Beste: Die Kinder hatten den Eindruck, sie selbst würden mit ihren Rufen und Hinweisen den Fortgang der Geschichte bestimmen. Genial.
Die Geschichte ist schnell erzählt, ist auch eigentlich gar nicht so wichtig, eine richtige Räuberpistole eben: Alle Mann an Deck - der Käpt‘n ist weg! Nichts mehr zu sehen von Schiffskoch Dicke Suppe, Steuermann Rechtsrum und Ausgucker Langauge. Der Käpt‘n wurde von seiner Mannschaft verjagt, die ihm immer einfach alles nachgesprochen hat. So erzählt es jedenfalls der verschlafene Hilfsmatrose Stolperjan, der mit der Nervensäge „Arabella von Kakadu“ allein an Bord verblieben ist. Das Unglück beginnt an dem Tag, als Käpt’n Flintbacke Geburtstag hat und er sich auf den Weg macht, einen großen Schatz in „Aquatikagua“ zu suchen. „Ich bin der schlaueste Pirat der sechs Weltmeere!“, ruft er vor der Reise. „Sieben Meere!“, rufen die Kinder.
Manche Puppenspieler wünschen sich Ruhe während ihrer Aufführung. Christoph Bäumer nicht. Er spielt herrlich den Trottel, verdreht die Augen zu einem irren Schielen, kratzt sich dämlich am Kopf, lispelt mit seinen Hasenzähnchen und stolpert über die Planken. Die Kinder grölen, rufen ihm Stichworte zu, gackern über seine Blödheit. Und sie machen mit, als es darum geht, die Piratenprüfung zu bestehen. Was muss ein guter Pirat können? „Gefährlich gucken. Laut pfeifen. Ein Auge zukneifen und alles sehen. Den Piratengruß mit den Händen winken. Einen Zahn verlieren (manche Kinder hatten sogar schon sieben Zähne verloren). Und: Das Käpt‘n-Lied singen (Hey-ho! Alle Mann an Deck!).“ Hervorragende Unterhaltung.
Käpt‘n Flintbacke jedenfalls findet seinen Schatz mit lautstarker Unterstützung der Kinder - und versteckt ihn im Wassertopf, aus dem er blöderweise vorher das Wasser ausgießt. Das Schiff hat kein Wasser mehr. Und jetzt passiert von ganz alleine das, was Matrose Stolperjan eine halbe Stunde zuvor erzählt hatte: Der Käpt‘n wird von seinem Schiff vertrieben, indem ihm seine Mannschaft - in „Grinsekinder“ im Saal - immer einfach alles nachsprechen. Das klappt ohne Ankündigung, ohne Absprachen, von ganz alleine. Perfekte Inszenierung.