"Am Anfang hatte ich ein wenig Bammel"


Gertrud Middelhoff (52) ist seit zwei Semestern an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster im Studiengang "Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis" eingeschrieben.
Gertrud Middelhoff (52) ist seit zwei Semestern an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster im Studiengang "Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis" eingeschrieben.
(Foto: Dierkes)


Rheine. Unter den vielen hundert Kommilitonen im Hörsaal ist Gertrud Middelhoff schon so etwas wie ein Exot: Mit ihren 52 Jahren gehört sie hier doch eher zu den älteren Semestern. „Aber die jungen Leute haben mich von Anfang an ganz toll aufgenommen, das Alter war überhaupt kein Thema“, erzählt die gebürtige Gelsenkirchenerin, verheiratet und Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes, die seit einigen Jahren in Neuenkirchen lebt. „Nur die Professoren guckten manchmal komisch, weil die meisten Vorlesungen ja ohnehin überfüllt sind. Und dann kommen die Senioren und nehmen den Studenten auch noch die Plätze weg!“

Gertrud Middelhoff nutzt seit einem Jahr das Angebot „Studium im Alter“ der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster. Zwei Semester des Studiengangs „Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis“ hat sie bereits hinter sich, zwei weitere liegen noch vor ihr. „Am Anfang war der Wunsch, mein ehrenamtliches Engagement auf eine solidere Basis zu stellen. Aber mittlerweile geht es doch weit darüber hinaus. Mir macht es einfach Spaß, etwas Neues zu lernen. Ich glaube, das liegt daran, dass ich damals zu früh mit dem Lernen aufgehört habe“, glaubt Gertrud Middelhoff, die „nur“ einen Realschulabschluss hat.


Gertrud Middelhoff ist zurzeit noch die einzige Neuenkirchenerin, die das Angebot der WWU Münster wahrnimmt. „Die anderen kommen aus ganz NRW, und alle mit ganz unterschiedlichen Motiven. Die einen arbeiten ehrenamtlich in der Hospizarbeit, in Diakonie und Caritas, andere in der Senioren-, Jugend- und Migrantenarbeit.“
Auch Gertrud Middelhoff ist ehrenamtlich tätig: In der Gemeinde St. Anna/St. Josef bereitet sie als Katechetin Jugendliche auf die Firmung vor - und das so erfolgreich, dass sie demnächst neue Katecheten ausbilden wird.

Vier Semester dauert der Studiengang. Die Vorlesungen reichen von Staatsbürgerkunde über Rhetorikseminare bis zu wirtschaftswissenschaftlichen Themen. Die Fächer sind relativ frei wählbar, doch es gibt Mindestanforderungen. „Aber mit einer Halbtagsstelle, wie ich sie habe, ist das kein Problem. Ich muss auch nicht täglich zu Vorlesungen nach Münster fahren“, verrät Gertrud Middelhoff, die bei einer Krankenkasse in Rheine arbeitet.

An die Anfänge ihrer Studienzeit erinnert sie sich genau. „Ich hatte ein wenig Bammel, als ich mich in einem Seminar erstmals zu Wort gemeldet habe. Da hören so viele Studenten zu, da will man sich natürlich nicht blamieren“, erzählt sie. Dass Gertrud Middelhoff mehr als doppelt so alt wie die meisten der anderen Studenten ist, empfindet sie inzwischen aber durchaus als Vorteil. „Ich habe den Jungen 25 Jahre Lebens- und Berufserfahrung voraus. Das kann kann kein Seminar leisten. Aber ich staune manchmal schon, was für tiefgreifende Gedanke manche Studenten trotz ihres jungen Alters schon haben."

Zum Thema: Im Wintersemester startet das „Studium im Alter“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit dem vierten Jahrgang seines Zertifikatsstudiums "Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis". Wer sich für das "Studium im Alter" interessiert: Über das Konzept und den genauen Verlauf des Studiums informiert eine Informationsveranstaltung am Mittwoch, 15. September, von 15 bis 17 Uhr im Hörsaal F3 des Fürstenberghauses, Domplatz 20-22 in Münster.

Das Zertifikatsstudium dauert vier Semester und umfasst sechs bis acht Semesterwochenstunden. Es richtet sich sowohl an Frauen und Männer, die sich aktiv in der Gesellschaft engagieren wollen oder dies bereits tun.

Zentrale Elemente des Studienganges sind die Vermittlung von grundlegendem Wissen zur Bürgergesellschaft und das Erlangen von Basiskompetenzen bürgerschaftlichen Engagements wie Zeitmanagement und Gesprächsführung. Gleichzeitig haben die Teilnehmer die Möglichkeit, nach persönlichen Interessen und Kompetenzen eigene Schwerpunkte im Bereich Kirche, Diakonie, Gesundheit und Soziales, Kunst und Kultur, Politik, Umwelt oder Bildung zu setzen.

Weitere Informationen zum "Studium im Alter" erteilt die Kontaktstelle Studium im Alter, Tel. 02 51 / 83 24 241.

VON KLAUS DIERKES


25 · 08 · 10





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