Die Bahnhofsunterführung glich einem See.

Mit Lokal-Video

Rheine versinkt im Regen

Rheine. Absoluter Härtetest für das Rheiner Kanalnetz, Geduldprobe für alle Verkehrsteilnehmer und Dauereinsatz für Feuerwehr und später auch Technisches Hilfswerk. Die Regenmassen, die sich am Donnerstag über Rheine ergossen, ließen alle Bahnunterführungen regelrecht absaufen und brachten Teile eines Flachdaches beim Zweiradhandel Bäumker im Schotthock zum Einsturz.

„Das war schon ein heftiger Guss. So etwas habe ich in 25 Jahren bislang nicht erlebt“, sagte Feuerwehr-Gesamteinsatzleiter Guido Amling.


Dramatische Zuspitzung dann am Abend, als das Regenrückhaltebecken Siemensstraße im Industriegebiet Nord die Wassermassen nicht mehr fassen konnte und überlief. Das Wasser lief über die Gutenbergstraße ab und drohte in verschiedene Firmengebäude einzudringen. Die Technischen Betriebe alarmierten das Technische Hilfswerk, das einen Damm auf der Gutenbergstraße errichtete und so das Wasser ableitete.

Nach einer ersten Entwarnung dann die Nachricht, dass der Damm des Rückhaltebeckens nicht mehr sicher ist und brechen könnte. Die 25 000 Kubikmeter drohten die Gutenbergstraße fluten. Das Ordnungsamt der Stadt ordnete daraufhin die Evakuierung der angrenzenden Firmenräume an. Die Inhaber wurden aufgefordert, Gegenstände aus den Kellerräumen zu sichern.

„Wir sind machtlos, wir können nichts machen“, sagte ein Mitarbeiter der Technischen Betriebe beim Anblick des 25000 Quadratmeter großen Rückhaltebeckens. Gegen 21 Uhr begann das Technische Hilfswerk, den gefährdeten Damm mit 3000 Sandsäcken zu sichern.
Besonders schlimm war es zuvor an der Bahnhofstraßegewesen, die sich zwischen 17 und 18 Uhr in einen durchgehenden See vom Kardinal-Galen-Ring bis zur Lindenstraße verwandelte.

Schwerstarbeit danach für die Feuerwehr, die bis zum Mittag noch nicht so häufig gerufen wurde, spätestens ab 16.30 Uhr jedoch im Dauereinsatz war. Zu Dutzenden liefen in allen Stadtteilen von Rheine die Keller voll. Die Feuerwehr kam mit dem Abpumpen kaum noch nach.

60 Meldungen waren bei der Feuerwehr bis 19 Uhr aufgelaufen. Um diese Menge zu bewältigen, alarmierte der Gesamteinsatzleiter Guido Amling alle vier Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr, die die hauptamtlichen Feuerwehrmänner mit zahlreichen Kräften unterstützten.

Darunter am späten Nachmittag auch ein eingestürztes Hallendach beim Zweiradhandel Bäumker am Lingener Damm. Dort hatten sich die Wassermassen auf einem Flachdach einer Lagerhalle offensichtlich soweit aufgestaut, dass die Konstruktion dem Druck nicht mehr stand halten konnte. „Der mittlere Bereich ist eingestürzt. Wir haben die Unfallstelle gesichert und geprüft, ob die in diesem Bereich befindliche Heizung beschädigt war“, schilderte Amling. Personen kamen zum Glück nicht zu Schaden.




In der Unterführung Bahnhofstraße musste die Feuerwehr dagegen einen älteren Herrn aus seinem Pkw retten. Er war mit seinem Fahrzeug in dem Wasser, das über einen Meter hoch angestiegen war, liegen geblieben.

Runde 114 Liter Niederschlag gingen bis zum Nachmittag pro Quadratmeter nieder - „das schafft kein Kanalnetz“, konstatierte Udo Eggert von den Technischen Betrieben der Stadt. Zum Vergleich: Im gesamten Vormonat Juli wurden 65 Millimeter Niederschlag gemessen, pro Jahr fallen in Rheine im Mittel 800 Millimeter.
Welche Mengen dadurch auf das Kanalnetz drückten, das erlebte Hotelier Dieter Lücke, der mit zahlreichen Pumpen gegen den Rückstau und die hoch steigenden Wassermassen kämpfte. Der Hof des Hotels stand kurz vor der Überflutung - dann wäre das Wasser wohl auch in den Küchenbereich geflossen. „So etwas habe ich bislang hier noch nicht erlebt“, stellte Dieter Lücke am Abend fest.

Gleichzeitig wurde die Feuerwehr zu einem Brand an die Mühlenstraße gerufen. Aufgrund eines Kurzschlusses in einem Keller war ein Gerät in Brand geraten. Eine Stichflamme schoss danach durch den Keller. Die Feuerwehr musste jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Die Wassermassen gingen übrigens fast nur über der Innenstadt nieder. „In Mesum war nichts, in Elte ein Einsatz“, berichtete Amling weiter. Daher unterstützten die Feuerwehrleute aus Elte den Löschzug rechts der Ems, während die Mesumer die Hauptwache besetzten und als Reserve für weitere Notfälle zur Verfügung standen.

VON JENS KAMPFERBECK, REINER WELLMANN UND MATTHIAS SCHRIEF


26 · 08 · 10



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