Rheine. „Mehr Sandsäcke, wir brauchen mehr Sandsäcke.“ Die Durchsagen, die per Funkgerät zur Einsatzleitung vordringen, lassen nur erahnen, wie dramatisch die Situation auf dem Damm des Regenrückhaltebeckens im Industriegebiet Nord ist. Seit Stunden kämpfen dort am Donnerstag Feuerwehr und Technisches Hilfswerk im Dauerregen gegen die Wassermassen. Knapp 60000 Kubikmeter Wasser haben sich hier mittlerweile angestaut, schwappen bereits über die Deichkrone. „Wenn der Damm bricht, haben wir ein ernstes Problem“, meint ein Mitarbeiter der Technischen Betriebe (TBR) lakonisch. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft liegen mehrere Firmen, unter anderem die Apetito AG.
Als am frühen Abend die ersten Nachrichten vom überlaufenden Damm bei den TBR eintreffen, scheint alles noch nicht ganz so schlimm zu sein. Ein Baggerfahrer errichtet aus Kies einen kleinen Damm auf der Gutenbergstraße. Als zwischenzeitlich der Regen weniger wird und das Wasser langsam in die Gullys läuft, sieht es so aus, als ob die Gefahr gebannt ist. Das jedoch stellt sich schon wenig später als Trugschluss heraus. Der wieder einsetzende Regen lässt den Pegel im Rückhaltebecken anschwellen. Mehr noch: Dass der Deich hält, will nun niemand mehr garantieren. Feuerwehr und THW werden alarmiert, 6000 Sandsäcke herangebracht, die angrenzenden Firmen gewarnt. Jetzt ist die Überflutung des Industriegebiets ein durchaus realistisches Szenario. Der Einsatzort wird weiträumig abgesperrt.
Dass es nicht so weit kommt, ist den Rettungskräften zu verdanken, die bis zur Erschöpfung arbeiten. Zum Glück hat das benachbarte Unternehmen Dißelmeier Sand und Kies auf seinem Hof gelagert - ein Zufall, der möglicherweise später die ganz große Katastrophe verhindert. Bis zum frühen Morgen werden es rund 60 Tonnen Sand sein, die die Helfer in unermüdlicher Arbeit in Säcken oder per Bagger zum Deich transportiert haben. Auch die Inhaber der benachbarten Firmen packen mit an - schließlich steht ihr Hab und Gut auf dem Spiel. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr treffen ein, darunter auch Einsatzkräfte aus umliegenden Kommunen.
Gegen 3 Uhr entspannt sich die Lage etwas, die Einsatzleitung, die auf dem Parkplatz eines Unternehmens eine provisorische Leitstelle errichtet hat, kann aufatmen. Der Pegel im Regenrückhaltebecken steigt nicht mehr, geht sogar leicht zurück. „Das war eine wirklich tolle Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte“, lobt Ordnungsamtschef Michael Kramer am Morgen nach dem Einsatz. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, meint Udo Eggert, der bei den TBR den Bereich Entwässerung leitet. Geschlafen hat er genau wie viele andere Helfer in dieser Nacht nicht. Ab 40 Litern pro Quadratmeter könne man von einem heftigen Regen sprechen. In Rheine wurden innerhalb von 24 Stunden 145 Liter gemessen. Auch TBR-Vorstand Josef Lucas kann am Morgen nach dem Einsatz noch immer nicht fassen, was da wenige Stunden vorher passiert ist. „Das hätten wir nie gedacht“, sagt Lucas. Immerhin: „Die Technik hat während des Unwetters nicht versagt.“
Alarmstimmung herrscht in der Nacht auch bei Apetito. Schließlich gab es bei dem Tiefkühlkosthersteller bereits vor fünf Jahren einen Unwetterschaden, bei dem der untere Teil des Verwaltungsgebäudes mit Wasser voll lief. Der Schaden belief sich damals auf 300000 Euro. Danach investierte das Unternehmen in spezielle Abwasserpumpen und -systeme sowie in ein eigenes Regenrückhaltebecken. „Es ist bereits das vierte Mal, dass uns solch Regenvolumina zu schaffen macht. Daher werden präventive Maßnahmen und zukunftssichernde Konzepte immer wichtiger“, sagt Vorstand Manfred Konietzko, der am Morgen noch einmal den Deich bei Tageslicht besichtigt. „Wir sind froh, dass durch die tatkräftige Hilfe der Damm des Regenrückhaltebeckens nicht gebrochen ist, sonst wäre neben vielen Firmen auch Apetito betroffen gewesen“, sagt der Apetito-Vorstand.