Niemand bemerkte den Gorilla


Der Hirnforscher Prof. Dr. Martin Korte hielt am Mittwoch den Festvortrag zur Eröffnung der renovierten Ignatz-Bubis-Aula im Josef-Winckler-Zentrum.
Der Hirnforscher Prof. Dr. Martin Korte hielt am Mittwoch den Festvortrag zur Eröffnung der renovierten Ignatz-Bubis-Aula im Josef-Winckler-Zentrum.
(Foto: Dierkes)


Rheine. Was hat ein Gorilla mit der Einweihung der für rund 475 000 Euro renovierten Ignatz-Bubis-Aula im Josef-Winckler-Zentrum zu tun? Eine ganze Menge - wenn man nämlich als Festredner einen Hirnforscher zu Gast hat. Der gebürtige Rheinenser Martin Korte, Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig und Direktor des Zoologischen Instituts sprach - und welches Thema hätte in einer Weiterbildungseinrichtung wohl besser gepasst - über den Prozess des Lernens aus Sicht der Hirnforschung.

Korte, Jahrgang 1964 und aufgewachsen im Umfeld der Basilika, ist heute einer der meistzitierten deutschen Nachwuchs-Neurobiologen und bereits durch eine Reihe von Fernsehauftritten bekannt. Sein eineinhalbstündiger Vortrag, aufgelockert durch unterhaltsame und manchmal verblüffende Konzentrations- und Gedächtnistests mit dem Publikum, wurde zu einer spannende Reise in die Welt des Lernens.


Bürgermeisterin Angelika Kordfelder begrüßte die etwa 300 Einweihungsgäste. Das Josef-Winckler-Zentrums habe sich durch die Zusammenführung vier verschiedener Bildungsträger - VHS, Musikschule, Fernuniversität Hagen und Abendrealschule - vor zweieinhalb Jahren zu einem beispielhaften Weiterbildungszentrum entwickelt, sagte sie. Mit der Aula stehe dem Josef-Winckler-Zentrum nun endlich ein Raum zur Verfügung, der mit seinen 300 Sitzplätzen hervorragend für Konzerte, Theaterstücke, Lesungen usw. geeignet sei. Die Bühne war wegen Baufälligkeit in den vergangenen Jahr gesperrt gewesen. „Die Fusion hat sich gelohnt“, sagte Kordfelder. Durch die Zusammenlegung seien die Unterhaltungskosten für Strom, Heizung, Reinigung usw. deutlich reduziert worden. Gleichzeitig würden durch steigende Besucherzahlen Mehreinnahmen generiert.

Birgit Kösters, Leiterin der VHS und der Musikschule, zeigte sich mit der Entwicklung des Josef-Winckler-Zentrums sehr zufrieden. Sie dankte den anwesenden Vertretern aus Politik und Verwaltung für die ideelle und finanzielle Förderung des Umbaus und dem Architekturbüro Schwerdt + Schwerdt aus Rheine für die hervorragende Umsetzung des Sanierungskonzeptes. Ihr besonderer Dank galt jedoch dem eigenen Team, dem sie Leistungsbereitschaft, Kreativität und Freude an der Arbeit bescheinigte.

Der Vortrag „Wie lernt der Mensch? Anmerkungen aus Sicht der Hirnforschung“ von Prof. Martin Korte war ein Paradebeispiel dafür, wie man wissenschaftliche Themen auf unterhaltsame und dennoch informative Art vermittelt. So präsentierte er unter anderem Videoausschnitte, die einem Schimpansen zeigen, der auf einem Monitor diverse Symbole anclicken muss und dabei an Schnelligkeit und Genauigkeit jedem Menschen überlegen ist. Dennoch kann der Schimpanse dem Menschen an Intelligenz natürlich nicht das Wasser reichen. Er verfügt lediglich über ein eidetisches Gedächtnis, das alles einfach wie ein Bild abspeichert. „Der Mensch dagegen selektiert, er wählt aus, welche Information wichtig und welche zu vernachlässigen ist“, machte Korte deutlich. „Das Wissen der Menschheit verdoppelt sich momentan alle fünf Jahre. Niemand kann heute alles wissen. Deshalb müssen wir auswählen, was wir lernen und wissen wollen. Sonst verlieren wir jede Orientierung“, so Korte. Dies gelte besonders für Kinder, die häufig mit Lernspielen, Musikstunden, Sport und anderen Aktivitäten überfrachtet würden. „Lernen braucht Zeit, Wissen muss sich setzen.“

Korte betonte auch die Bedeutung von Motivation, Ernährung und Bewegung für das Gehirn. „20 Prozent des Sauerstoffs, den wir einatmen und der Energie, die wir zu uns nehmen, verbraucht das Gehirn“, sagte Korte. Auch das Thema Gehirndoping sprach der Wissenschaftler an. „Wundermittel, die die Hirnleistung steigern, gibt es nicht. Wenn Sie ihrem Gehirn etwas Gutes tun wollen, dann trinken Sie ausreichend“, riet er den Einweihungsgästen in der Aula. Kritische Anmerkungen machte Korte zum Thema Internet und Computerspiele. Jungen seien hier häufiger betroffen als Mädchen. „Sprachkompetenz und Konzentrationsfähigkeit leiden, die Gewaltbereitschaft steigt und die Fähigkeit zur Empathie, also zum Mitfühlen, nimmt ab.“

Mit einem verblüffenden Test belegte Korte die Fähigkeiten des Menschen, sich gezielt auf etwas zu konzentrieren. Dem Publikum wurde ein Video gezeigt, bei dem zwei Mannschaften in ständiger Bewegung sich Basketbälle zuwarfen. Das Publikum sollte nun zählen, wie viele Bälle das Team mit den weißen T-Shirts sich zuwarf. Das Publikum zählte richtig: 17. Den als Gorilla verkleideten Menschen, der kurz über das Spielfeld gegangen war, hatte dagegen niemand bemerkt . . .

VON KLAUS DIERKES


01 · 09 · 10





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