Was bedeutet denn „Münzmalle“? Alle raten mit: AJG-Schulleiter Johann Heck, Andreas Wiecher, Madita Hank und Carina Sandmann, Holger Schnippe und Lisa Ortmeier (oben von links), Jonas Beckmann, Carolin Wessels, Pia Zimmermann und Nicole Näther sowie Patrick Baranski (unten von links). (Fotos: Homering (1), Sträter (6), Montage: Peterek)
Rheine/Neuenkirchen. Übersetzungsexperten aufgepasst, eine knifflige Aufgabe folgt: „Heute will ich nur abchillen, ne Mafiatorte jammern oder Beraterpommes spachteln und dann geht’s ab ins Münzmallorca!“ Auf Hochdeutsch meint dieses seltsame Geschwurbel dann: „Also heute möchte ich nur ein bisschen faulenzen, ne Pizza oder Sushi essen und mich dann unter das Solarium legen.“ Ist doch logisch, oder? Solche Begriffe sind auf jeden Fall im „Lexikon der Jugendsprache“ festgehalten. Aber ob Jugendliche diesen Kram wirklich in den Mund nehmen, darf bezweifelt werden - überprüft wurde es bei der MV-Umfrage am Arnold-Janssen-Gymnasium in St. Arnold.
„Münzmallorca? Das sagen wir nie, bei uns heißt das Asi-Toaster“, erklärt Patrick Baranski (18). Aha. Den Begriff „Taschendrachen“ für ein Feuerzeug kennen der 18-Jährige und seine Freunde. Andere obskure Begriffe haben sie noch nie gehört. „Wir benutzen Jugendsprache manchmal untereinander, aber nicht so häufig“, meint Patrick. In seiner Clique gibt es eigene Wortneuschöpfungen. „Eingedachst rufen wir, wenn sich jemand beeeilen soll“, schmunzelt der 18-Jährige. „Hast du mal ne Flü?“, fragt er nach Zigaretten. „Auf jeden!“ - für „auf jeden Fall“ kennen viele Schüler.
Pia Zimmermann (18) kann mit den Ausdrücken aus dem Jugendsprache-Lexikon wenig anfangen. „Gehirnprothese hab’ ich noch nie gehört, vielleicht braucht das jemand der dumm ist?“, rätselt sie. Na ja, wer dumm ist, dem hilft wohl auch kein „Taschenrechner“ . . .
Carolin Wessels (17) ist ebenfalls überfragt. „Taschendrachen? Kann ich mir nichts drunter vorstellen, kenn’ ich nicht“, schüttelt sie den Kopf. Nicole Näther stimmt zu. „Einiges kann man sich denken, aber kennen tu’ ich das nicht. Wir reden eigentlich ziemlich normal“, meint die 17-Jährige. „Abchillen“ statt Faulenzen nutzen die Mädels allerdings schon gelegentlich. „Na ja, wir reden bestimmt nicht normal, aber das fällt uns nicht so auf“, meint hingegen Jonas Beckmann (15). In seiner Clique gibt es eigene Ausdrücke. „,Wat dat soll’ oder ,ohne Witz’ kommt oft“, meint Andreas Wiecher (14).
Individuelle Slangs sind auch verbreitet: Während Holger Schnippe (17) zu Gegenständen „Moped“ sagt, meinen seine Freunde: „Nee, das heißt Dingsi“. Jugendsprache individuell - da hilft auch kein Lexikon. „Mir fällt das schon gar nicht mehr auf, wenn wir solche Ausdrücke benutzen“, meint Lisa Ortmeier (17). Die Deutschlehrer freuen sich.„Das ist wohl manchmal schwer uns zu verstehen“, überlegt Lisa. „Im Englischen oder Italienischen gibt es auch solche Ausdrücke, aber im Deutschen ist das momentan besonders krass“, stellt Holger fest. Die Begriffe aus dem Jugendsprache-Lexikon sind den Beiden zwar weitgehend unbekannt, „aber es stimmt, wir reden einfach nicht mehr so gebildet“, lacht Holger.
Bei den Jüngeren scheint das Fernsehen Einfluss auf die Sprache zu haben. „Zack die Bohne sagen wir“, lacht Carina Sandmann (12) und ihre Freundin Madita Hank (12) nickt. Der Ausdruck fällt gerade auch bei „Germany’s next Topmodel“ öfter. Einige Begriffe aus dem Lexikon kennen die beiden Mädels. „Taschendrachen hab ich schon mal gehört“, meint Madita. „Aber Münzmallorca? Bei uns heißt das Tussi-Toaster“, lacht die Zwölfjährige.
Und was meinen die Lehrer? „Es fällt mir schon auf, dass Jugendliche eigene Wörter benutzen, abgekürzte oder verdrehte Begriffe, die sie vom Simsen oder Chatten übernehmen“, meint Schulleiter Dr. Johann Heck. „Anglizismen sind stark verbreitet, es gibt mehr internationalen Kontakt als früher“, erklärt Dr. Heck das Phänomen. Die Vernetzung mit anderen Kulturen über das Internet hält der Schulleiter eigentlich für positiv, aber „die Sprache verflacht im Internet, wird geradezu zur Geheimsprache für Insider“, meint er. Insider - auch kein allzu typisch deutsches Wort . . .
Die Begriffe aus dem Jugendsprache-Lexikon hat Dr. Heck zwar noch nicht gehört, aber der Lehrer rätselt immerhin schon mal besser als seine Schüler. „Gehirnprothese - vielleicht eine Gedächtnisstütze in Form eines elektronischen Geräts?“ Gar nicht so schlecht. Auch den Ackerdesigner - den Landwirt - errät der Reli- und Sowi-Lehrer. Beim „Münzmallorca“ tut er sich allerdings schwer. „Vielleicht ein Fernrohr, um in die Landschaft zu gucken?“ - Na ja, fast . . .
So, jetzt aber genug von Sprache. Jetzt ist Zeit zum Abchillen im Garten. Aber auf jeden!