Rheine. Lothar Rücker ist 59 Jahre alt und feiert am 20. Dezember seinen dritten Geburtstag. An diesem Tag bekam der Wirtschaftswissenschaftler aus dem niedersächsichen Barsinghausen zwei neue Lungen. Geschenkt wurde ihm dieses neue Leben von einem Toten. „Das war für mich, als wenn ich neu geboren wäre“, erzählt er. „Lungentransplantationen sind erst seit elf, zwölf Jahren möglich und auch heute immer noch selten. Etwa ein Viertel der Patienten überlebt die Operation nicht.“ Zurzeit tourt Lothar Rücker durch ganz Deutschland, um für die Idee der Organtransplantation zu werben. Etwa 45 Städte wird er dabei besuchen, darunter am Mittwoch auch Rheine. Mitte Januar wird der überzeugte Christ dann seine Wanderung auf dem Jakobsweg fortsetzen, die er am 12. September begonnen hat. Es ist seine Art, dem lieben Gott Danke zu sagen.
Hinter Lothar Rücker liegt ein langer Leidensweg. Nach einer Lungentransplantation im Dezember 2005 mit Herzstillstand und Wiederbelebung folgten noch weitere „Baustellen”, die seinen Körper weiter schwächten: Diabetes, Nierenversagen, Bauchaortenaneurysma und dann auch noch ein medikamentenbedingter Muskelzerfall, der Rücker an den Rollstuhl fesselten. Dank der hervorragenden Behandlung in der Medizinischen Hochschule Hannover und in der Reha-Klinik Bad Fallingbostel wurde Rücker aber so gut „repariert”, dass er wieder fast uneingeschränkt am Leben teilnehmen kann.
Und nicht nur das. Im Frühjahr 2008 begann er zu trainieren. Mit eiserner Energie stärkte er seine Muskeln, machte Fitnesstraining und wurde zum Langstreckenwanderer. „Zuerst war ich nur auf dem Deister, unserem heimischen Gebirge, unterwegs. Das wurde mir dann bald aber zu klein. Und da hatte meine Frau Ewa dann die Idee mit dem Jakobsweg“, erzählt er.
Am 12. September pilgerte Rücker von Glücksstadt aus los. Vor zehn Tagen unterbrach er seine Pilgerreise, um auf einer Sondertour durch Deutschland für die Idee der Organtransplantation zu werben. 45 Städte liegen bis zum 12. Januar auf seiner Route, insgesamt 1200 Kilometer, Endstation am Europaparlament in Straßburg. Danach geht es wieder auf den „Camino“. In den Städten und Gemeinden auf seinem Weg sucht Rücker den Kontakt zur Bevölkerung und zu den Medien, um auf sein Anliegen aufmerksam zu machen. Wichtige Multiplikatoren sind für ihn die Betriebsräte großer Unternehmen. Auch die Hochschulen wird er demnächst einbeziehen.
Sein Anliegen formuliert er klar und deutlich: „In Deutschland gibt es viel zu wenige Organspender. Täglich sterben vier Menschen in Deutschland, weil sie vergeblich auf Spenderorgane warten. In Sachen Organtransplantation sind wir in Deutschland ein Entwicklungsland“, sagt er.
Einige Zahlen machen in der Tat nachdenklich: So werden in Deutschland etwa 4200 Organe pro Jahr transplantiert, in Spanien sind es trotz einer wesentlich geringeren Bevölkerungsdichte über 30 000. Rücker führt dies vor allem auf die Gesetzgebung in Deutschland zurück. Hier dürfen Organe zum Beispiel von Unfallopfern nur dann entnommen werden, wenn ein Organspendeausweis oder die Einwilligung der verfügungsberechtigten Angehörigen vorliegt. In Spanien und vielen anderen europäischen Ländern liegen die Dinge genau umgekehrt. Hier dürfen Organe auch ohne Organspendeausweis entnommen werden - es sei denn, der Patient hat eine andere Verfügung getroffen. Rücker: „Vielleicht wird die Gesetzgebung in Deutschland ja mal geändert. Aber zurzeit fehlt es hier noch an dem politischen Willen.“ Im Internet kann man mehr über Lothar Rücker erfahren. In einem Blog berichtet er regelmäßig über sich und seine Aktivitäten.
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www.deister-walker.blogspot.com
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www.jakobsweg.transplantations-portal.de