50. Jahrestag des Mauerbaus

Ein Schirm führte Gabriele Schenk aus Ibbenbüren in die Freiheit


Symbol der Freiheit: Als Gabriele Schenk 1974 von Zwickau über den Grenzübergang Hof in den Westen flüchtete, war dieser Schirm ihr Erkennungszeichen. Ehemann Hellmut war bereits ein Jahr zuvor von Schwerin über West-Berlin vor dem DDR-Regime geflohen. In Münster lernten sich die beiden später kennen.
Symbol der Freiheit: Als Gabriele Schenk 1974 von Zwickau über den Grenzübergang Hof in den Westen flüchtete, war dieser Schirm ihr Erkennungszeichen. Ehemann Hellmut war bereits ein Jahr zuvor von Schwerin über West-Berlin vor dem DDR-Regime geflohen. In Münster lernten sich die beiden später kennen.
(Foto: Anke Beiing)


Ibbenbüren. Die junge Frau steht vor dem Affenkäfig im Leipziger Zoo. Sie schaut den Tieren beim Spielen zu - scheinbar. In Wirklichkeit wartet sie. Auf einen unbekannten Mann, der ihr bei der Flucht aus der DDR helfen soll.

Als Erkennungszeichen hat sie einen dunkelroten Regenschirm mit grünem Rankenmuster unter den linken Arm geklemmt. Es ist der 28. Mai 1974. Der Tag, an dem Gabriele Schenk dem Staat, der einfach nicht ihrer war, den Rücken kehrte.


„Ich kam mit dem System überhaupt nicht klar“, erinnert sich die heute 63-Jährige Wahl-Ibbenbürenerin. „War weder politisch engagiert noch jugendgeweiht.“

Gabriele Schenk lebte in Zwickau. Im Mai 1974 bekam sie Post vom Timmendorfer Strand - von einer Freundin, die eigentlich in Halle hätte sein sollen. „Sie hat mir aus dem Westen einen Fluchthelfer geschickt. Der hat mir gesagt, wie es geht“, erzählt die Krankengymnastin.

Dann musste alles ganz schnell gehen. Schon ein paar Tage später stand eine - dank einer halben Beruhigungstablette - äußerlich gelassene Mittzwanzigerin vor dem Affenkäfig im Leipziger Zoo. Der Fahrer fuhr Gabriele Schenk zu einem Rastplatz an der Autobahn 9 von Berlin nach München. Dort traf sie auf die eigentlichen Fluchthelfer, stieg zu ihnen ins Auto.

„Ganz normal auf die Rückbank“, erinnert sie sich. Die war so präpariert, dass die Republik-Flüchtigen während der Fahrt in den Kofferraum kriechen konnten: „Ich habe geschlottert an der Grenze. Trotz der halben Tablette.“ Erleichterung machte sich erst auf einem Rastplatz im Westen breit: Endlich frei, abgesehen von 20.000 Mark Schulden. Das war der Preis für die Fluchthelfer.

Über Umwege gelangte die junge Frau schließlich nach Münster und fand eine Stelle an der Uniklinik. „Da habe ich 900 Mark im Monat verdient“, erzählt sie. „Davon 20.000 abzubezahlen dauert ganz schön lange.“

In Münster lernte Gabriele Schenk ihren Mann Hellmut kennen - ebenso wie sie ein DDR-Flüchtling. Seine Geschichte ist ähnlich. „Ich bin dauernd angeeckt“, erzählt er. „Ich wusste, wenn ich bleibe, falle ich irgendwann fürchterlich auf die Schnauze.“

Hellmut Schenk lebte in Schwerin. Ein Freund, der den Osten bereits zehn Jahre zuvor verlassen hatte und von den DDR-Behörden nicht mehr verfolgt wurde, brachte ihn am 1. September 1973 in dem winzigen Kofferraum seines Autobianchi über die Transitstrecke Hamburg-Berlin nach West-Berlin. „Wir sind auf Spur acht über die Grenze gefahren, das weiß ich noch genau“, erzählt der 62-Jährige.

Nach und nach floh Hellmut Schenks gesamte Familie vor dem sozialistischen Regime. Einer seiner vier Brüder hatte sich nur einen Tag vor ihm aus dem Staub gemacht. Ein anderer hatte sein Glück bereits ein Jahr früher über Rumänien versucht, wurde jedoch verhaftet und später von der Bundesrepublik freigekauft.

Der vierte Bruder folgte. Daraufhin verloren beide Eltern ihre Arbeitsstellen, der jüngste Bruder seinen Studienplatz. 1976 holten die vier geflohenen Brüder den Rest der Familie nach.

Zwar sind die Erlebnisse von damals unvergessen - sogar den Regenschirm gibt es noch - doch Schenks haben längst ihr neues Zuhause im Tecklenburger Land gefunden. Fühlen sich sehr wohl in Ibbenbüren. Gabriele Schenk hat eine Praxis für Krankengymnastik, Hellmut Schenk arbeitet als Immobilienmakler. Die drei Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Ihren gefährlichen Entschluss, aus der DDR zu flüchten, haben Schenks nie bereut.



13 · 08 · 11





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