Hochbegabt und doch normal


Melvin macht gerade einen Intelligenztest. Schulpsychologin Sarah Rappe beobachtet ihn. Foto:
Melvin macht gerade einen Intelligenztest. Schulpsychologin Sarah Rappe beobachtet ihn. Foto:
(Kopmann)


Beckum - Erst wird er Torwart bei Schalke und dann Manager bei den Blau-Weißen. Für Melvin ist das eine klare Sache. Torwart will er werden, weil er da nicht so viel laufen muss und Manager, damit er gute Spieler einkaufen kann. Melvin ist eben ein cleveres Kerlchen. Der Achtjährige hat einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten und gilt als hochbegabt.

Schwarz auf Weiß hat Melvin diese Diagnose, weil er Probleme in der Schule hatte. Dort langweilte sich der Junge nämlich - und störte dann im Unterricht, weil er „extrem zappelig“ war, wie sein Vater beschreibt. „Der Ergotherapeut hat uns den Tipp gegeben, den Jungen bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle testen zu lassen“, sagt Gregor Wulff. Denn in der Schule sei Melvins besondere Begabung zuvor nicht aufgefallen. Auch das soll häufiger vorkommen. „Viele Lehrer sind schlechte Diagnostiker, wenn sich Intelligenz nicht in der Leistung widerspiegelt“, erklärt Schulpsychologin Sarah Rappe, die seit zwei Jahren den Kontakt zu Melvin und seiner Familie hat. Denn um den Intelligenzquotienten zu ermitteln, bedürfe es genauer Testverfahren.


Mit Hilfe der Beratungsstelle entschieden Melanie und Gregor Wulff schließlich, ihren Sohn „springen“ zu lassen. Melvin kam also im zweiten Halbjahr der zweiten Klasse direkt ins dritte Schuljahr. Wenn der Junge nun nach den Ferien an die Gesamtschule Ahlen wechselt, ist Melvin gerade neun Jahre alt. Der Achtjährige freut sich schon. „Ich komme in die Sportklasse und kann ganz viel Fußball spielen.“ Auch seine Eltern hoffen, dass Melvin in Ahlen einen guten Start haben wird. „Für uns ist wichtig, dass er Spaß an der Schule hat“, betont Gregor Wulff.

Das ist auch für Sarah Rappe ein entscheidendes Kriterium. „Hochbegabung ist keine Persönlichkeitseigenschaft“, unterstreicht die Psychologin. Sie räumt in diesem Zusammenhang auch mit dem Vorurteil auf, dass Hochbegabte oft soziale oder persönliche Probleme haben. „Es gibt viele Hochbegabte, bei denen es gut läuft.“ Auch die Eltern müssten sich nicht ständig unter Stress setzen. „Man kann ein hochbegabtes Kind erziehen wie jedes andere auch. Es muss nicht permanent gefördert werden.“

Weil Hochbegabung derzeit ein gesellschaftliches Thema sei, werde die Beratungsstelle häufiger nachgefragt. Intelligenztests würden aber dann nur durchgeführt, wenn es dem Kind nutzt. Abgesehen von den Tests findet auf Wunsch auch eine längere Begleitung des Kindes statt. Dazu können unter anderem Gespräche mit den Lehrern in der Schule gehören.

Als hochbegabt gelten Menschen, die in einem wissenschaftlich anerkannten Intelligenztest ein höheres Ergebnis erzielen, als es 98 Prozent der Gesellschaft erreichen würden. Gemäß der in Deutschland üblichen Skala entspricht dies einem IQ ab 130. Hochbegabung ist also kein Massenphänomen, es trifft nur auf zwei Prozent der Bevölkerung zu. Auch deswegen betont Sarah Rappe: „Ein Kind muss nicht hochbegabt sein, nur weil es vor der Schule lesen und rechnen kann.“

» Literaturtipp: Christiane Alvarez, Hochbegabung, erschienen im dtv-Verlag.

VON BEATE KOPMANN, WARENDORF


31 · 07 · 10





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