Sporthelden von einst im Gespräch

Walter Röhrl: „Ein Sport für Männer“

St. Engelmar - Anfang der achtziger Jahre war Walter Röhrl einer der weltbesten Rallye-Piloten. Zweimal sicherte er sich die Weltmeisterschaft, viermal gewann er die legendäre Rallye Monte Carlo. Mit dem heute 64-Jährigen unterhielt sich unser Mitarbeiter Timo Schoch.

Walter Röhrl, wie war das damals, als Sie noch auf Schotter, Schnee und Eis gegen die Uhr gefahren sind?


Walter Röhrl: Damals war Rallyefahren noch ein Sport für Männer.

Warum?

Röhrl: Der ursprüngliche Sinn beim Rallyefahren war, die Zuverlässigkeit von Mensch und Maschine zu prüfen. Und das geht doch nur, wenn du lange unterwegs bist. Also waren die Wertungsprüfungen damals lang, manchmal auch sehr lang. Außerdem wurde bei Tag und Nacht gefahren. Das fehlt heute.

Ihnen hat es aber gefallen?

Röhrl: Ich habe es genossen. Die körperliche Fitness hat eine Rolle gespielt, das Autofahren hat eine Rolle gespielt. Und vielleicht auch ein bisschen, dass du mitdenken musstest, was du deinem Auto auf 4000 oder 5000 Kilometern zumuten kannst, damit du auch ins Ziel kommst.

Also nicht nur Vollgas Richtung Ziel?

Röhrl: Genau. Wo ist die Grenze, wo kann ich schnell fahren, wo muss ich aufpassen? Das waren die kleinen Mosaiksteinchen, die in meinen Augen einen guten Rallyefahrer ausgemacht haben.

Es war „Ihr“ Sport.

Röhrl: Ja, auch weil es keinen zweiten Sport gibt, bei dem du die Welt so kennenlernst. Egal, ob du Tennisspieler, Fußballer oder Formel-1-Rennfahrer bist. Du fliegst in das Land, gehst ins Hotel, fährst an die Wettbewerbsstätte und fliegst nach dem Wettkampf wieder heim. Und was machen wir? Wir fliegen ans Ende der Welt und fahren Tausende Kilometer Feldwege und über Land im Training ab, bestreiten dann die Rallye. Und wenn du mal feststeckst, musst du einen Einheimischen mit Händen und Füßen fragen, ob er dir hilft und das Auto mit rausschiebt. Das war Rallyefahren. So etwas gibt es nicht mehr.

Was war das schönste Fleckchen Erde, das Sie kennenlernen durften?

Röhrl: Neuseeland war sehr beeindruckend. Vom Land her war Kenia auch toll. Du sitzt auf der Veranda von der Lodge und siehst Löwen oder Elefanten, die zum Wasserloch kommen. Das waren schon emotionale Höhepunkte. Aber ich hatte in Kenia immer Angst, dass mich eine Fliege sticht und ich Malaria bekomme, oder dass ich mir den Magen mit dem Essen verderbe. Außerdem waren die Straßen sehr schlecht. Unter dem Strich ist Neuseeland deshalb doch ganz klar meine Nummer eins.Wieso spielen die Straßen eine Rolle?

Röhrl: Weil ich mit der teuren Technik da drüber fahren musste.

Aber es war ja nicht Ihr Auto.

Röhrl: Das hat damit nichts zu tun. Ein Auto war für mich immer etwas, das ich nicht übermäßig strapazieren wollte.

Aber die anderen Fahrer Ihrer Zeit hatten damit kein Problem.

Röhrl: Das stimmt. Markku Alen, der mit mir bei Fiat gefahren ist, hat einfach nicht verstanden, wenn ich ihm erzählt habe, dass es mir weh tut, wenn ich über die großen Schlaglöcher fahren muss. Er meinte, ich hätte körperliche Schmerzen. Und Hannu Mikkola hat in unserer Audi-Zeit die Safari-Rallye gewonnen, weil er einfach von der ersten bis zur letzten Meter Vollgas gefahren ist. Ich bin um jedes Schlagloch, so gut es ging, herumgefahren. Und wurde Zweiter.

Warum haben Sie dann nicht auch einfach Gas gegeben?

Röhrl: Weil ich es nicht konnte. Es hatte aber auch sein Gutes: Ich bin weniger ausgefallen als andere.

Wie war es damals in den legendären Werksteams von Fiat, Lancia oder Opel?

Röhrl: Bei Fiat sind wir mit fünf Werksautos unterwegs gewesen. Also haben auch fünf Fahrer trainiert. Am Wochenende sind wir Trial gefahren, die Italiener haben ihre Frauen mitgebracht, es war eine Familie.

Und heute?

Röhrl: Vorbei mit lustig. So etwas geht nicht mehr. Früher konntest du trainieren, so lang du Lust und Zeit hattest. Heute ist das verboten. Zwei Mal, mehr nicht. Früher gab es Leute, die sind 15 Mal über eine Strecke gefahren. Der Jean-Claude Andruet zum Beispiel hat vier Monate für die Monte Carlo trainiert. Er ist Wertungsprüfungen in Zwei-Kilometer-Abschnitten abgefahren, und das zehn Mal hintereinander.

Und Sie?

Röhrl: Ich war trainingsfaul, das gebe ich zu. Wenn trainiert wurde, hatte ich nichts anderes als das Auto im Kopf. Ich bin morgens um 8 Uhr ins Auto gestiegen und abends um 8 Uhr ausgestiegen. Den ganzen Tag habe ich mir nur gedacht: „Die Kurve musst du dir merken, das musst du dir merken.“

Zu Ihren Rallye-Autos: Welches war denn das tollste?

Röhrl: In jeder Epoche gab es tolle Autos. Der Ford Capri beispielsweise war ein Traumauto. Damit waren wir schneller als der Renault Alpine 110. Meine Jahresgage für zwei Jahre Ford-Pilot: 500 Mark. Dazu natürlich ein Trainingsauto und alles, was dazu gehört. Das war für mich wie ein Sechser im Lotto.

Und das beste Auto in Ihrer Erinnerung?

Röhrl: Emotional der Lancia Stratos. Aber der war nur für Monte Carlo und San Remo, also für kurvenreiche Straßen gemacht. Auf den anderen Strecken war er schwierig zu fahren.Ist aus heutiger Sicht ein Allradauto das perfekte Rallyeauto?

Röhrl: Für das Alltagsleben ist nur ein Auto mit Allrad ein perfektes Auto. Aber - auch wenn jetzt viele sagen, der Röhrl spinnt - die hohe Schule des Rallyefahrens war der Zweiradantrieb. Da musstest du das Gefühl haben, wie viel Kraft du einsetzen kannst, damit es vorwärts geht. Für dieses Fahren war der Lancia Rallye 037 der Beste.

Und heute?

Röhrl: Allrad, 320 PS, viel bessere Bremsen und Fahrwerke. Dazu sind die Rallyes ganz andere: Es gibt nur noch kurze Wertungsprüfungen. Da müssen die Jungs ab dem ersten Meter Vollgas geben. Taktieren gibt es nicht mehr. Ein Dreher bedeutet, dass du nicht mehr gewinnen kannst.

Sie erzählen, als wäre Ihre aktive Zeit der Himmel auf Erden gewesen. Haben Sie Negatives verdrängt?

Röhrl: Nein, ich weiß, um wie viel sicherer moderne Rallye-Autos sind. Ich denke nur an 1984, an meinen Unfall im Audi quattro. An einer Stelle, die laut Aufschrieb trocken sein müsste, stand wegen eines verstopften Kanals das Wasser auf der Straße. Mit 180 km/h komm ich an, fliege über die Mauer, 50 Meter den Berg rauf, nach 150 Meter zurück auf die Straße. Ich hatte mir den Kopf angeschlagen. 60 Minuten lag ich im Auto. Bis der Doktor da war. Irgendwann später sagst du schon: „Was habe ich da gemacht?“ Aber daran denkst du vorher nicht, du glaubt ja nicht, dass du einen Unfall haben wirst.

Die Rallye-Autos heutzutage sind sicherer, die Rallyes selber kürzer und dadurch für die Zuschauer auch attraktiver.

Röhrl: Der Fan reist nicht mehr, bleibt an einer Stelle stehen und wartet drauf, dass die Autos drei Mal vorbeikommen. Zu unserer Zeit waren die meisten Zuschauer pfiffiger, mussten mit Karten den besten Weg aussuchen, auf dem sie möglichst viele Wertungsprüfungen anschauen konnten.

Rallye ist auch fernsehfreundlicher als früher.

Röhrl: Weil ein Sport heute nur überleben kann, wenn er im Fernsehen stattfindet. Aber Rallyes sind auch umweltfreundlicher als früher. Nur würdigen dies zu wenige.

Schauen wir in die Zukunft: Gibt es in zehn Jahren nur noch Elektro-Rallye-Autos?

Röhrl: Ich glaube, zehn Jahre reichen nicht. Ich glaube, in der Stadt hat das Elektroauto seine Berechtigung - so lang die Kapazitäten der Batterien aber nicht besser sind, werden sie sich im Rallyesport nicht durchsetzen. Ich bin mir aber sicher, dass eines Tages ein alternativer Antrieb den Verbrennungsmotor ablöst.



05 · 01 · 12



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