Sporthelden von einst im Gespräch

Basketballer Henning Harnisch: „Freizeitsport ist Mangelwirtschaft“

Berlin - Mit der deutschen Basketball-Nationalmannschaft wurde Henning Harnisch 1993 Europameister. Heute ist er Vizepräsident des Bundesligisten Alba Berlin und dort für ein ungewöhnliches Jugendprogramm verantwortlich. Was es damit auf sich hat (und natürlich vieles mehr), verriet er im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Winfried Beckmann.

Henning Harnisch, Sie stehen für den sensationellen Titelgewinn der deutschen Basketballer bei der EM 1993. Ihre Erinnerungen an den Triumphzug?


Henning Harnisch: Wir waren Außenseiter, aber wir hatten uns ein Jahr zuvor die Grundlage dafür erarbeitet, als wir die Qualifikation schafften für Olympia. Und dann hat es klick gemacht. Heutzutage nennt man das wohl Sommermärchen.

Sie waren in Ihrer aktiven Zeit der andere Typ, der linke Linkshänder, Andersdenker mit dem bunten Haar-Stirnband. Jetzt Funktionär und nicht mehr linker Linkshänder?

Harnisch: Das wäre ja der Wandel zum rechten Rechtshänder. Nein, ich bin weiter Linkshänder und stolz darauf, dass meine Spezies nicht ausstirbt. Normal hört das Sportlerleben mit 30, 35 auf. Das Schöne ist: Sportlerleben beenden heißt nicht, dass es aus mit Sport ist. Ich habe mir ein anderes Leben aufgebaut. Aus der Retro­spektive würde ich sagen: Das gibt alles Sinn, vor allem auf der Grundlage, sich weiter mit diesem Medium auseinanderzusetzen.

Spieler, Sportdirektor und nun als Vizepräsident verantwortlich für das Jugendprogramm bei Alba Berlin - eine besondere Entwicklung.

Harnisch: Ich sehe das als großes Glück, dass ich weiter über Basketball nachdenken, da etwas entwickeln darf und dafür sogar noch Geld bekomme. Das ist ja die Ausnahme, weil die meisten wenig Bewusstsein für das haben, was nicht Profisport ist. Breitensport, Freizeitsport ist eine Mangelwirtschaft, ein in vielen Sportarten sehr brüchiges System. Aber da wird ja jeden Tag unfassbarer Sozialwert produziert. Darauf muss man aufmerksam machen. Letztlich ruft doch alles nach einer Professionalisierung des Kinder- und Jugendsports. Und die steht noch aus.

Aber nicht mehr bei Alba Berlin - dank Ihrer Person und Ihrer Funktion.

Harnisch: Wir haben vor rund fünfeinhalb Jahren angefangen, die Alba-Jugend aufzubauen. Ich habe mir gedacht, eine logische Weiterentwicklung des Proficlubs ist, dass wir in der Innenstadt von Berlin eine eigene Jugend ins Leben rufen. Das haben wir sonst immer durch einen ganz tollen Partner abgedeckt. Die logische Weiterentwicklung war: Lass uns doch mal eine eigene Basis aneignen. Was so lapidar losging, hat sich entwickelt zu einem riesengroßen Thema. Kern davon ist das Schulprojekt „Alba macht Schule“. Das ist in den letzten Jahren so groß geworden, dass ich eine Entscheidung treffen musste - das oder den Profisport. Die Entscheidung war eine leichte.Lassen Sie doch bitte mal Zahlen sprechen.

Harnisch: Augenblicklich spielen mit und durch uns an den Schulen und im Verein 1500 Mädchen und Jungen Basketball. Wir haben in Berlin 40 und in Brandenburg weitere 40 Partnerschulen. Bei uns arbeiten 60 Trainer. Ziel bzw. Vision wäre, dass alle 60 Trainer das ausschließlich machen, nicht ehrenamtlich oder mit Niedrigstlohn, sondern beruflich. Alle Trainer sind Supertypen. Und wenn man der These nachgeht, dass Trainer eigentlich moderne Sozialarbeiter sind, dann steckt da wirklich viel drin.

Stehen andere Sportarten Schlange, wenn Sie Ihr Konzept vorstellen?

Harnisch: Nein. Gegenüber Fußball haben wir ja einen großen Vorteil, weil der Fußball denkt, dass er das nicht machen müsste, weil die Kinder ihm ja zulaufen. Das müssen wir natürlich gnadenlos ausnutzen. Ich glaube, dass wir uns gerade eine Grundlage schaffen, dass perspektivisch die Sportart Basketball hinter Fußball Nummer zwei sein wird. Das sage ich natürlich auch, weil ich einen tiefen Glauben habe, dass es die allerbeste Sportart ist.

Und der Leistungssport fehlt Ihnen nicht?

Harnisch: Ich fühle mich selber ausgespielt. Ich wusste genau, warum ich aufhören wollte. Ich konnte nicht mehr, vom Kopf her. Basketball war für mich immer total intensiv. Riesengroße Leidenschaft und Liebe. So habe ich als Profi gelebt. Wenn man das so intensiv angeht, geht das schneller, dass man irgendwann nicht mehr kann.

Vielleicht werden Sie eines Tages Trainer?

Harnisch: Nein. Keine Chance. Das ist mir zu monoton, aber ich habe großen Respekt davor, wie man sein muss. Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte, ist, mehr mit Kindern und Jugendlichen an Skills arbeiten, am Handwerkszeug. Gerade setzen wir meine Lieblingsidee von „Test your skills“ um. Das hat das Zeug, das nächste Streetball zu werden. Unsere Alba-Kinder lernen Basketball, indem sie sich an ausgesuchten Testtagen im Dribbeln, Werfen und Passen die nächste Farb-Stufe des Trikots wie bei Karate-Gürteln erspielen können. Es ist überragend zu sehen, wie die Kinder darauf anspringen. Daraus ziehe ich meine Energie.

Und bis wohin reicht der Ehrgeiz als Vater von zwei Töchtern? Was lernen sie durch ihren Vater?

Harnisch: Ich finde es wichtig, dass sie Sport kennenlernen. Bei meiner zwölfjährigen Tochter hat es seit einem Jahr klick gemacht. Sie ist letztlich Profiteurin von dem, was wir aufgebaut haben. Wenn sie das mit 18 Jahren auch noch so mag, dann haben wir alles richtig gemacht. Sie kennen sich in der Gruppe, sie mögen sich. Das ist ein großer Wert. Und das würde ich gern potenzieren. Und wenn da meine Töchter mitmachen, wäre das toll. Sie sollen ihre positiven Energien erleben.

Und wie sieht Ihr eigenes wöchentliches Sportprogramm aus?

Harnisch: Ich mache zu wenig Sport. Ich bin ein klassischer Freizeitsportler. Im Winter mache ich nichts, im Sommer fahre ich Rad.



07 · 01 · 12



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