Düsseldorf - 1972 bei den Olympischen Spielen war Ulrike Meyfarth die große Überraschung. Sensationell gewann sie Gold im Hochsprung. Zwölf Jahre später wiederholte sie diesen Erfolg in Los Angeles. Mit ihr unterhielt sich unser Mitarbeiter Christoph Fischer.
Der olympische Spitzensport durchlebt schwere Zeiten. Fernsehtechnisch zumindest. Immer weniger Übertragungszeiten. Das Fernsehen fordert, Meisterschaften in olympischen Disziplinen zusammenzulegen. Können Sie sich das für die Königsdisziplinen Leichtathletik und Schwimmen vorstellen?
Ulrike Nasse-Meyfarth: Warum eigentlich nicht? Olympische Verbände müssen sich Gedanken machen, wie man Interessen koordiniert. Sportverbände müssen miteinander reden, ich fürchte nur, dass das mit der klassischen Funktionärsriege schwierig wird. Die Wettkampfkalender müssen ja nicht nur national, sondern auch international koordiniert werden.
Wovor haben Funktionäre Angst?Ulrike Nasse-Meyfarth: Funktionäre haben Angst vor Kompromissen, weil das kompliziert ist und die ganze Welt mitspielen muss. Das ist in der Leichtathletik, im Schwimmen, im Turnen schwer, nicht so schwierig im Wintersport, wo die Sportarten kleiner ausgelegt sind. Das macht die Sache leichter.
Aber unmöglich ist es auch für Sommer-Sportarten nicht?Ulrike Nasse-Meyfarth: Nein. Es wäre gut, endlich anzufangen. Und sich einen Kopf darüber zu machen. Bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Finden Sie die Entwicklung dramatisch? Nur noch Fußball im Fernsehen?Ulrike Nasse-Meyfarth: Ich habe den Eindruck, dass mit ungleichen Maßstäben gemessen wird. Der Fußball im Fernsehen fängt in der dritten Liga an. Will das wirklich einer sehen? Ich habe immer das Gefühl, das wird den Menschen vorgesetzt, unabhängig davon, ob sie das wollen oder nicht.
Welche Rolle hat das Fernsehen in Ihrer Karriere gespielt?Ulrike Nasse-Meyfarth: Da gibt es große Unterschiede in meiner Laufbahn. 1972 in München musste ich nach der Goldmedaille drei Stationen abklappern, ARD, ZDF und das DDR-Fernsehen. Und dann kamen noch ein paar Rundfunkleute. Das hat sich geändert, heute wollen die Menschen mehr von dir. Dass das für den Sportler etwas bringt, erschließt sich mir nicht.
Aber der Sport braucht Medienpräsenz.Ulrike Nasse-Meyfarth: Natürlich. Und konkret bezogen auf den Sport, auf die Leistung gefällt sie mir, das finde ich okay. Wenn die Journalisten über das entsprechende Hintergrundwissen verfügen, alles kein Problem. Aber ich persönlich muss nicht auf den Boulevard, das war nicht meins. Und das ist auch nicht meins. Wobei es sicher Athletinnen gibt, die sich über den Boulevard vermarkten.
Tun sich Athleten heute leichter mit dem Boulevard?Ulrike Nasse-Meyfarth: Nicht wesentlich. Die meisten sind auch heute eher zurückhaltend. Vorsichtig, auf die sportliche Leistung fixiert. Nicht auf das Privatleben. Aber es gibt Ausnahmen.
Müssen sich Athleten dem Boulevard öffnen?Ulrike Nasse-Meyfarth: Nein, ich finde nicht. Es gibt auch im Schauspielgewerbe Menschen, die ausdrücklich nicht über ihr Privatleben plaudern. Und trotzdem erfolgreich sind. Warum sollte das im Sport nicht auch möglich sein? Aber das muss jeder für sich entscheiden, das ist individuell unterschiedlich.
Haben Sie Ihren Kindern oft vom olympischen Gold erzählt?Ulrike Nasse-Meyfarth: Das kam zwangsläufig. Natürlich sind meine Kinder immer auf ihre Mutter angesprochen worden. Man musste sich erklären.
Ist eine berühmte Mutter ein Problem?Ulrike Nasse-Meyfarth: Aktuell ist das ja kein Problem mehr für mich. Meine Berühmtheit stammt aus einer anderen Zeit. Aber meine ältere Tochter wollte damals nie fotografiert werden, ich kenne solche Situationen. Das war manchmal nicht einfach, die Grenze zu erkennen.
Ist das heute noch denkbar, zwölf Jahre zwischen olympischem Gold in München und Los Angeles?Ulrike Nasse-Meyfarth: Das wird sich so schnell nicht mehr ergeben, weil man heute mit 16 Jahren nicht mal eben die Weltelite schlagen kann. Wie ich damals in München. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit den Fosbury-Flop gelernt zu haben. Damit war ich der zehn Jahre älteren Konkurrenz voraus.
Aber das zweite Gold war schöner?Ulrike Nasse-Meyfarth: Das kann man so nicht sagen. Das Gold in Los Angeles habe ich mir bewusst erarbeitet. Das erste ist mir in den Schoß gefallen. Genossen habe ich beide.
Würden Sie die Zeit nach München als Trauma bezeichnen?Ulrike Nasse-Meyfarth: Ja, das erkennt man aber erst Jahre später. Ich war sicher ein wenig traumatisiert nach dem ersten Gold. Ich weiß nicht, wie Psychologen das beurteilen. Meine Unbefangenheit war weg, meine Kindheit. Das war für einen Teenager keine einfache Zeit, entweder du überstehst sie oder du hörst auf.
Sind Sie Botschafterin der Sportstiftung geworden, weil Sie Ihre ganz speziellen Erfahrungen aktuellen Athleten ersparen wollen?Ulrike Nasse-Meyfarth: Mein Engagement in der Sportstiftung hat mit den eigenen Erfahrungen, mit der eigenen Karriere zu tun. Ganz sicher. Wir alle sind mehr oder weniger gebrannte Kinder, die in ihrer sportlichen Karriere Probleme hatten. Dass es Phasen gab, wo es weder im Sport noch in der Ausbildung, im Studium, lief.Dass man im Sport mit vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen hat. Die die Öffentlichkeit nicht sieht, wenn man nach olympischem Gold gefeiert und in den Mittelpunkt gestellt wird. Wir haben heute nicht mehr so viele potenzielle Hochleistungssportler, die müssen wir gut behandeln. Wenn wir weiter erfolgreichen olympischen Sport machen wollen. Wir Botschafter wollen ein Umfeld schaffen, in dem sich Spitzensportler entwickeln können. Sportlich wie beruflich.
Was haben Spitzensportler, was andere nicht haben?Ulrike Nasse-Meyfarth: Leistungssportler können ihr Zeitmanagement optimieren, sie sind teamfähig, ehrgeizig, bescheiden, demütig, aber sie besitzen die Fähigkeit, im richtigen Moment zuzuschlagen. Das sind Eigenschaften, die nur ein Sportler besitzt.
Sehen Sie, ein Sportler muss doch immer mit dem Schlimmsten rechnen, aber er hat immer auch das ganz Große vor sich. Das haben Leistungssportler gelernt, das haben sie allen anderen voraus, das lernen andere niemals. Das ist unser Potenzial. Und das merken immer mehr Unternehmen. Und das ist gut so.