Uraufführung von „Mittagsstunde“ in Hamburg

Von Von Oda Baum, dpa
Uraufführung von „Mittagsstunde“ in Hamburg

Thomas Niehaus (Ingwer) bei den Proben zur Theateradaption von D. Hansens Roman „Mittagsstunde“ im Thalia Theater. Foto: Armin Smailovic/Thalia Theater/dpa

Hamburg (dpa) - Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist ein Bestseller. Jetzt gibt es in Hamburg erstmals eine Bühnenfassung. Lohnt sich der Gang ins Thalia Theater? Der mit Heuballen beladene Planwagen steht nur wenige Minuten auf der Bühne. Dann muss er weichen, als in den 70er Jahren die Landvermesser zur Flurbereinigung anrücken in dem fiktiven friesischen Dorf Brinkebüll.

Seither ist hier nichts mehr wie vorher. Die zentrale Kneipe „Dorfkrug“ wirkt verlassen. Der Tanzsaal wird zum Schauplatz einer Bonanza-Western-Show. Und der eben zurückgekehrte, etwas linkische Ingwer Feddersen, gespielt von Thomas Niehaus, wirkt in dieser Kulisse noch verlorener und heimatloser.

Gezeigt wird die „Mittagsstunde“ am Thalia Theater in Hamburg. Der Roman war 2018 nach „Altes Land“ der zweite große Erfolg der Husumer Bestsellerautorin Dörte Hansen. Regisseurin Anna-Sophie Mahler findet starke, poetische Bilder für die Bühne. Mit großer Genauigkeit erzählt der Abend, für den Mahler auch die Textfassung entwickelte, vom Verlust von Zugehörigkeit in einer sich wandelnden Welt. Ingwer Feddersen zumindest findet Trost in der Musik.

Seit er auf den Füßen seiner etwas verdrehten Mutter Marret, wunderbar burschikos gespielt von Cathérine Seifert, ihren Gesängen lauschte, ist er selbst zur Hitparade auf zwei Beinen geworden. Und so gibt der hochmusikalische Niehaus Songs von Peter Alexander bis Neil Young an Gitarre und Akkordeon zum Besten, die das tragisch-menschliche Geschehen für die Zuschauer deutlich auflockern.

Feddersen ist das Ergebnis einer kurzen Begegnung seiner Mutter mit einem durchreisenden Landvermesser. Aufgezogen haben ihn die liebenden Großeltern, Dorfkneipen-Betreiber Sönke Feddersen und seine langsam tüdelig werdende Frau Ella, denn Mutter Marret glaubte unter anderem an einen nahenden Weltuntergang. In berührenden, traumhaften Erinnerungsbildern, in denen es etwa zum „Schneewalzer“ tanzt, lebt das Großeltern-Paar wieder auf. Bernd Grawert gibt Sönke eine hinreißende nordische Direktheit und greift gemeinsam mit Thomas Niehaus zur Tuba. Christiane von Poelnitz zeigt als Ella alle Facetten der Fürsorge, bis sich ihr Verstand zunehmend eintrübt.

Ingwer sucht nach Studienjahren in Kiel in Brinkebüll nach einem neuen Plan für sein auf die 50 zulaufendes angebrochenes Leben ohne Familie oder Haus. Doch er findet Dorf und Dorfbewohner verändert. Alles Verwinkelte ist begradigt. Björn Meyer glänzt als zur Rampensau verwandelter Grundschulfreund Heiko Ketelsen. Mit einer Linedance-Gruppe und der Band „Die Barracudas“ hat er die Western-Show im mit einem Büffelschädel verunstalteten Brinkebüller Tanzsaal perfektioniert. Der von Tilo Werner gespielte, mit rustikalen Methoden arbeitende Dorfschullehrer wird nicht mehr gebraucht.

Intensive, ernste Spielszenen wechseln mit teils heiteren musikalischen Einlagen. Wenn das Dorf neu kartografiert wird und am Ende auch die Kastanien weichen müssen, taucht die Regisseurin die Bühne per Video-Animation in bedrohliches Schwarz, durchzogen von weißen Gitternetzen. Das Ende ist ernüchternd. Kalte Winde ziehen durchs nun schutzlose Dorf. Die Tiere sind verstummt. Die Sonderlinge, die hier einen Platz und ein Leben fanden, verschwunden.

„Zeitalter fangen an und enden, so einfach ist das“, bilanziert Ingwer Feddersen desillusioniert. Viel Applaus für die Regisseurin und das toll aufspielende Ensemble. Und ein Extra-Applaus für Autorin Dörte Hansen, die sich am Premierenabend gelöst und zufrieden mit der Umsetzung zeigte.