Emsdetten

Sternschnuppenmarkt in Emsdetten abgesagt

Verkehrsverein nennt steigende Corona-Fallzahlen als Grund

Dienstag, 30. November 2021 - 17:17 Uhr

von Christian Busch

Foto: Bernd Oberheim

Der Sternschnuppenmarkt in Emsdetten wird abgesagt (Archivfoto).

Stadt und Verkehrsverein bekräftigten noch am Montagnachmittag, dass der Sternschnuppenmarkt wie angekündigt und mit verändertem Sicherheitskonzept am Wochenende stattfinden soll. Wenige Stunden später war alles anders: Am Dienstagvormittag verkündete der Verkehrsverein das Aus für das beliebte Advents-Stadtfest – und damit auch für den verkaufsoffenen Adventssonntag.

Emsdetten im Blick haben

„Aufgrund der weiter steigenden Corona-Zahlen hat der Vorstand des Verkehrsvereins in Absprache mit der Stadt Emsdetten entschieden, den Sternschnuppenmarkt abzusagen“, heißt es in dem offiziellen Statement. Nach langen und ausführlichen Gesprächen habe sich der Vorstand zu diesem Schritt entscheiden müssen. Im Vorfeld hatten die Telefondrähte geglüht: Am Montagnachmittag kam der Vorstand zu einer Krisensitzung zusammen. Am Ende stand, nach Rückkopplung mit Stadt und Politik, die klare Mehrheitsmeinung, angesichts der Pandemie-Lage auch 2021 auf den Sternschnuppenmarkt zu verzichten.

„Die Absage ist allen sehr schwer gefallen, wurde aber letztlich in großem Einvernehmen getroffen“, erläutert Verkehrsvereins-Geschäftsführerin Ulrike Wachsmund. Auch vor dem Hintergrund, „dass den Verkehrsverein im Laufe der letzten Wochen und aktuell immer noch Absagen von Standbetreibern und Akteuren erreichen“.

Das Team im Verkehrsverein habe seit vielen Monaten die Veranstaltungsplanungen an immer wieder veränderte Hygieneschutzvorgaben angepasst und bis zuletzt gehofft, den Sternschnuppenmarkt sicher und verantwortungsvoll veranstalten zu können. Am Ende wurde dieses nicht bestätigt.

Eingebunden war in die Entscheidungsfindung selbstredend auch Oliver Kellner – als Mitglied des Verkehrsvereinsvorstands, aber auch als Bürgermeister. „Als solcher muss ich ganz Emsdetten im Blick haben – also etwa auch die Belange des Einzelhandels“, erzählt Kellner im EV-Gespräch. Am Ende habe sich „Kopf gegen Bauch“ entschieden.

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Die Absage des Sternschnuppenmarktes, beziehungsweise sich für diese auszusprechen, „war die mit Abstand schwerste Entscheidung in meiner bisherigen Amtszeit als Bürgermeister“, sagt Kellner. Daher habe er nicht nur angeregt, die Fraktionsspitzen mit ins Boot zu holen. Er habe auch selbst versucht, eine möglichst breite Meinung einzuholen. Am Ende hätten die Fakten den Ausschlag geben.: die „sehr ernste Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina“, die Schilderungen gleich mehrerer Ärzte. „Die waren eindeutig: Die Anzahl der positiven Abstriche nimmt zu, die Infizierten werden jünger.“ Auch diejenigen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. „Und jeder dritte von ihnen ist laut Schilderung des Kreis-Gesundheitsdezernenten Dr. Karlheinz Fuchs geimpft“, schildert Kellner.

Seine Meinung, jetzt schnell die Reißleine zu ziehen, weil ein Stadtfest in dieser Lage nicht guten Gewissens veranstaltet werden könne, hätte die Mehrheit der beteiligten Polit-Spitzen geteilt. Und auch die Lobby der Einzelhändler: „Ich habe mit Ulrich Reinermann gesprochen. Der hat mir versichert, dass auch der Emsig-Vorstand diese Meinung teilt und voll hinter der Entscheidung steht, den Sternschnuppenmarkt abzusagen.“

Die Entscheidung mache ihn – „insbesondere auch mit Blick auf die Weihnachtsmärkte in Rheine und Münster“ – nicht glücklich, sei aber aus meiner Sicht aber die richtige“, so der Bürgermeister. Er hätte sich „klare und einheitliche Regelungen von Bund und Land gewünscht,“ stattdessen müsse jede Kommune für sich alleine entscheiden.

Empfehlung der Ärzteschaft

„Die Entscheidung macht uns - insbesondere auch mit Blick auf die Weihnachtsmärkte in Rheine und Münster – nicht glücklich, ist aber aus meiner Sicht die Richtige. Eigentlich hätten wir uns auch klare und einheitliche Regelungen von Bund und Land gewünscht, anstelle dessen muss jetzt jede Kommune für sich alleine entscheiden. Und wir in Emsdetten nehmen die verschärfte Corona-Lage, die Empfehlungen aus der Ärzteschaft und auch die aktuelle Ad-Hoc-Stellungnahme der Leopoldina sehr ernst“, wird Bürgermeister Oliver Kellner zitiert.

Die falsche Entscheidung

Ein Kommentar von Christian Busch

Der Sternschnuppenmarkt wurde abgesagt. Puh – da muss man erst einmal durchatmen. Das nächste Corona-Opfer – allerdings ein ganz besonderes, wie ich meine. Oder besser: Wie ich befürchte.

Zu allererst: Hut ab vor dem Team des Verkehrsvereins, das buchstäblich bis zur letzten Sekunde am Konzept gefeilt hat, wie ein alternativer Sternschnuppenmarkt verantwortungsvoll stattfinden kann. Klar: Im offiziellen Statement „trägt es die gemeinsame Entscheidung vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen voll mit“, dennoch ist die Stimmung in Stroetmanns Fabrik selbstredend gerade am Boden.

Eine Entscheidung, den Sternschnuppenmarkt abzusagen, wird spalten – sie muss spalten. Denn es gibt vermutlich ebenso viele gute Argumente für die Notbremse wie für das Durchziehen der Planungen. Ich halte die Absage – wie übrigens das gesamte Team der EV – dennoch für einen Fehler. Warum?

Weil für mich, nach eingehender Beschäftigung, der Verkehrsverein im Schulterschluss mit Ordnungsamt, Feuerwehr und Polizei genau das geschafft hat, was sein Ziel war: Ein Konzept zu erarbeiten, mit dem man den Sternschnuppenmarkt verantwortungsvoll veranstalten kann. Mit abgetrenntem Gastro-Sektor, 2G und Maskenpflicht im gesamten Bereich, Kontrollen und bereits im Vorfeld angedrohten empfindlichen Strafen bei Nicht-Beachtung. Das alles mit reduziertem Programm und entzerrter Struktur.

Es ist ein Fehler, weil die Inzidenzen – bei aller Dramatik und dem Damoklesschwert Omikron-Variante – in NRW besser sind als bundesweit, im Kreis Steinfurt besser als in NRW. Und weil Emsdetten mit aktuell 65 akut Infizierten und einer sehr hohen Impfquote vergleichsweise gut dasteht. Am Montagnachmittag haben Stadt und Verkehrsverein auf EV-Anfrage erklärt, an den Planungen für den Sternschnuppenmarkt festzuhalten. Vorbehaltlich vor allem möglicher neuer Regelungen aus Düsseldorf oder Berlin. Ich frage mich also, was zwischen Montagnachmittag und Dienstagvormittag passiert ist. In welche Richtung ist da Diskussion gelaufen? Was war am Ende ausschlaggebend? Neue gesetzliche Vorgaben jedenfalls können es nicht gewesen sein.

Es ist ein Fehler, weil die Absage – und das, was damit bezweckt, bzw. vermieden werden soll – an der Lebensrealität der Menschen vorbei geht. Was werden denn viele (geimpfte und oft zudem aktuell getestete) Emsdettener Familien am Wochenende wohl machen? Sie fahren nach Ibbenbüren zur Eisbahn, nach Rheine zum Shoppen, Bummeln und Advents-Feeling-Aufsaugen. Oder noch besser nach Münster auf den Weihnachtsmarkt. Mitten ins Gewühl – statt lokal entzerrt auf dem Emsdettener Sternschnuppenmarkt.

Es ist ein Fehler, weil die Absage zwar auf dem Papier nur ein weiteres ausgefallenes Stadtfest in der zermürbenden Pandemie ist. Ich befürchte allerdings, dass die psychologische Wirkung, das beliebte Weihnachts-Stadtfest in Emsdettens guter, festlich beleuchteter Stube nach zwei Jahren Corona und im zweiten Jahr in Folge abzusagen, weit über die Papierform hinausgehen wird. Dass dieser Schritt (wie so viele andere Entscheidungen in die eine oder die andere Richtung) die Diskussion um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Verantwortungsbewusstsein weiter befeuern wird. Und zwar jetzt auch öffentlich vor Ort, ganz konkret.

Die Diskussion, ob eine Minderheit der Ungeimpften und derer, die sich nicht an die Regeln halten wollen, auf ihr Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit pochen darf. Oder ob sie mit ihrer Haltung nicht vielmehr die Selbstbestimmung und Freiheit der großen Mehrheit, die geimpft ist und verantwortungsvoll agiert, brutal einschneidet.

Es ist ein Fehler, weil es dazu beiträgt, dass selbst die aufgeklärten Befürworter der staatlichen Maßnahmen mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln können. Wo ist – mit Blick auf eine mögliche Corona-Ansteckung – der Unterschied zwischen einem entzerrten Sternschnuppenmarkt und dem Wochenmarkt? Ist es fahrlässig, den nicht auch abzusagen? Wie will man denkenden Menschen die rechtskonforme Existenz von 50000 feiernden Fans in einem Stadion, von 2000 Zuschauern bei einem Hallen-Konzert oder einer 100-Leute-Party vermitteln, wenn gleichzeitig ein entzerrtes Budendorf im Freien als Gefahr eingestuft wird?

Und es ist ein Fehler, weil die Absage des Sternschnuppenmarktes ein Niederschlag für den örtlichen Einzelhandel ist. Nach dem Lockdown und dem damit einhergehenden weiteren Schub für den ohnehin boomenden Online-Handel hätten unsere Händler vor Ort diesen verkaufsoffen Sonntag dringend gebraucht. Nicht, um sich die Hände zu reiben, sondern damit unsere Kinder die Innenstadt demnächst nicht als Wohngebiet wahrnehmen.

Die Minimal-Lösung hätte für mich daher so ausgesehen: verkaufsoffener Sternschnuppen-Sonntag mit Glühwein- und Imbissbude, vielleicht mit einer spontanen Advents-Aktion. „Geht ja nicht“, kommt jetzt als Argument. Weil Gewerkschaften und Kirchen den Klageweg bestreiten könnten, weil nicht die Öffnung der Geschäfte an einem Sonntag im Mittelpunkt stehen darf, sondern sich die Sonntagsöffnung dem historisch gewachsenen Anlass (sprich dem Sternschnuppenmarkt, der ja nicht im gewohnten Rahmen stattfindet...) im Charakter unterordnen muss.

Da fällt mir doch, allerdings nicht erst in Pandemie-Zeiten und mit ganz anderem Hintergedanken als sie der Urheber hatte, Heinrich Heine vor die Füße: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

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