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Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Kiew

Sonntag, 26. Juni 2022 - 14:22 Uhr

von dpa

Ein durch russischen Beschuss zerstörter Sportkomplex der Polytechnischen Hochschule in Kiew. Foto: Carol Guzy/ZUMA Press Wire/dpa

Kiew (dpa) - Die Ukraine will nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj alle von Russland in vier Monaten Krieg eingenommenen Städte zurückerobern.

In einer Videoansprache verwies Selenksyj auf Städte wie Sjewjerodonezk, Donezk und Luhansk. Auch Melitopol und Mariupol seien nicht in Vergessenheit geraten. „Alle anderen Städte der Ukraine, die vorübergehend besetzt sind, werden ukrainisch sein“, versicherte der Präsident. Russland hatte zuvor die Einnahme der einstigen Großstadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine bekannt gegeben, wo sich heute nur noch einige Tausend Menschen aufhalten.

Selenskyj zufolge wurde die Ukraine am Samstag innerhalb eines halben Tages von 45 russischen Raketen getroffen. Das sei so kurz vor den G7- und Nato-Gipfeln ein klares Signal. „Das bestätigt, dass die Sanktionspakete gegen Russland nicht genug sind.“ Erneut forderte er auch mehr Waffen und Luftabwehrsysteme. Die Waffen dürften nicht länger auf Trainingsplätzen oder in Lagerhallen liegen, sondern müssten in die Ukraine gebracht werden, „wo sie gebraucht werden“.

Russland kündigte unterdessen die Lieferung von Raketensystemen ins Nachbarland Belarus an. Diese können auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden. Die Ukraine sei immer noch in der Lage, sich gegen Russland zu verteidigen, sagte Selenskyj. Er wisse aber nicht, wie groß die Verluste und Anstrengungen noch sein werden, bis sich ein Sieg am Horizont abzeichne.

In der Hauptstadt Kiew waren unterdessen am frühen Morgen mehrere Explosionen zu hören. Augenzeugen berichteten von Raketen.

Ausdrücklich erwähnte Selenskyj die Stadt Sjewjerodonezk im Osten des Landes, die in Zukunft wieder unter ukrainischer Kontrolle stehen solle. Sowohl Moskau als auch Kiew bestätigten die Einnahme durch russische Truppen.

Ein Berater des ukrainischen Präsidenten, Olexij Arestowytsch, sagte der Agentur Unian zufolge, in der Region werde weiter gekämpft. Der Bürgermeister der Stadt, Oleksandr Strjuk, sagte, die regierungstreuen Truppen hätten andere Stellungen bezogen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die zuletzt zum Luftschutzbunker umfunktionierte Chemiefabrik Azot in Sjewjerodonezk wird nach Angaben aus Moskau nun von prorussischen Einheiten der Luhansker Separatisten kontrolliert. Unklar war zunächst, wie viele Menschen dort Schutz gesucht haben. Die Separatisten behaupteten, 800 Zivilisten „evakuiert“ zu haben. Wohin sie gebracht wurden, blieb offen.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew hat es am Morgen infolge russischer Raketenangriffe mehrere Explosionen gegeben. Eine Rakete habe ein neunstöckiges Wohnhaus getroffen, schrieb Anton Heraschtschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministers, im Nachrichtendienst Telegram. Eine weitere Rakete sei auf dem Gelände eines Kindergartens im Bezirk Schewtschenko eingeschlagen.

In dem Wohnhaus wurden nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko mindestens vier Menschen verletzt. Aus den Trümmern wurden demnach auch ein sieben Jahre altes Mädchen und seine Mutter geborgen. Das getroffene Wohnhaus befindet sich in unmittelbarer Nähe der Rüstungsfabrik Artem, die bereits zum dritten Mal mit Raketen angegriffen wurde.

Außenminister Dmytro Kuleba hat von den G7-Staaten härtere Sanktionen gegen Russland und zusätzliche Waffenlieferungen gefordert. Kuleba veröffentlichte auf Twitter ein Foto, das zeigt, wie ein Mädchen von Rettungskräften auf einer Trage transportiert wird. „Dieses sieben Jahre alte ukrainische Kind schlief friedlich in Kiew, als ein russischer Marschflugkörper sein Haus in die Luft sprengte“, schrieb er dazu. Klitschko sagte in einem „Bild“-Interview, dass der Vater des Mädchens bei dem Angriff gestorben sei.

Die G7-Länder, die sich im bayerischen Elmau getroffen haben, müssten darauf mit weiteren Sanktionen und mehr schweren Waffen für die Ukraine antworten, so Kuleba weiter.

„Es sieht danach aus, dass Russland bewusst den Start von G7 auf perfide Weise für einen Raketenschlag nutzen wollte“, meinte Klitschko. „Die Welt muss endlich verstehen, dass dieser Krieg nur dann beendet werden kann, wenn die Ukraine genügend militärische Unterstützung bekommt, um sich zu verteidigen.“

Selenskyj zufolge feuerte Russland am Samstag allein innerhalb einer Tageshälfte 45 Raketen aufs Nachbarland ab. Dabei soll es auch Opfer gegeben haben. Bei einem Angriff auf die westukrainische Stadt Sarny wurden nach Behördenangaben mindestens drei Menschen getötet und vier weitere verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Es seien eine Autowaschanlage und eine Werkstatt getroffen worden, teilte der zuständige Chef der Militärverwaltung der Nachrichtenagentur Unian zufolge mit. Er machte Russland dafür verantwortlich.

Die nukleare Forschungseinrichtung „Neutronenquelle“ in der ostukrainischen Stadt Charkiw ist erneut unter Beschuss geraten. Dabei seien Gebäude und Infrastruktur wie Lüftungskanäle beschädigt worden, teilte die Nuklearaufsichtsbehörde mit.

Der Teil der Anlage, wo der Kernbrennstoff gelagert wird, wurde nicht in der Auflistung der Schäden erwähnt. Es sei keine erhöhte Strahlung festgestellt worden. Die Ukraine machte Russland für den Angriff verantwortlich.

Russland will in den nächsten Monaten Raketensysteme vom Typ Iskander in das Nachbarland Belarus verlegen. Das versprach Präsident Wladimir Putin dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko - sein enger Verbündeter.

Die Iskander-M könnten „sowohl ballistische Raketen als auch Marschflugkörper aufnehmen - sowohl in konventioneller als auch in nuklearer Ausführung“, sagte Putin. Sie haben Medien zufolge eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern.

© dpa-infocom, dpa:220626-99-803090/7

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