Kreis Steinfurt

Corona drückt aufs Gemüt

Wie die Mitarbeiter des Sorgentelefons die Nöte erleben

Mittwoch, 4. November 2020 - 17:30 Uhr

von Michael Hagel

Foto: picture alliance / dpa

Die Corona-Pandemie bedrückt viele Menschen im Kreisgebiet, das bekommen die Menschen am Sorgentelefon des Kreises Steinfurt deutlich zu spüren.

Wir befinden uns mitten in der zweiten Corona-Welle und im zweiten Lockdown, wenn auch in einer Light-Version. Was aber machen die Pandemie und deren Auswirkungen mit unserer Psyche? Drückt sie aufs Gemüt? Und wie belastend ist die Situation für die Menschen im Kreis?

Armgard Focke kann viel dazu sagen. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Sorgentelefon Kreis Steinfurt und ihre etwa 30 Mitarbeiter telefonieren nahezu täglich mit Menschen aus dem Kreisgebiet, denen es zumeist nicht gut geht. „Corona war natürlich im Frühjahr das dominante Thema, im Sommer hat sich das dann etwas beruhigt. Jetzt aber kommt es mit voller Wucht wieder“, sagt Focke.

Massive Probleme mit der Einsamkeit

Sehr viele Anrufer hätten massive Probleme mit der Einsamkeit, die ein Lockdown für sie mit sich bringt, „und zwar sowohl Alte als auch geschiedene oder kranke Menschen.“ Für sie alle sei es zunehmend belastend, in der aktuellen Lockdown-Phase nicht oder kaum noch rausgehen zu können. „Viele haben natürlich die Sorge, sich zu infizieren“, sagt Armgard Focke.

Obwohl Weihnachten noch über sieben Wochen weg ist, machen sich viele Menschen bereits jetzt Gedanken darüber. „An den Feiertagen alleine zu sein, diese Vorstellung macht etwas mit den Menschen“, so Focke. In den letzten Jahren habe dieses Phänomen nur eine relativ geringe Rolle gespielt, was auf weitgehend intakte Sozialstrukturen im Kreis hindeutet. „Aber in diesem Jahr ist das ganz sicher ein großes Thema!“ Zumal die ernste Corona-Lage sich mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Winter ziehen wird.

Armgard Focke nennt explizit die sogenannte „Sandwich-Generation“, also die Generation mit Eltern und Kindern, die naturgemäß ihre Eltern schützen wolle und daher deren Kontakte etwa mit den Enkeln aus Sorge unterbinde. „Wir hören dann oft von den Großeltern, dass ihnen im Zweifel das Infektionsrisiko nicht so wichtig ist wie der Wunsch, Kinder und Enkel zu sehen.“ Da gebe es echte Konflikte, sogar Wut, und das Gefühl der Entmündigung, das hat Armgard Focke sowohl im Frühjahr als auch jetzt wieder beobachtet.

Beim Sorgentelefon hören sie sich das vor allem an, sprechen auch drüber, aber geben in aller Regel keine Empfehlungen oder Ratschläge.

Zweite Welle verursacht mehr psychische Krisen

Experten sagen, dass die zweite Welle der Corona-Pandemie definitiv zu mehr psychischen Krisen, depressiven Erkrankungen und Angststörungen führen werde. Die schwierige Perspektive mache es schwieriger, psychisch gesund durch die Wintermonate, durch die dunkle Jahreszeit zu kommen. „Gerade jetzt sieht man, wie schlimm Einsamkeit sein kann“, sagt Armgard Focke.

Wenn dann zu den Sorgen um die Pandemie – etwa dem Stress bei der Wartezeit auf das Testergebnis – auch noch Eheprobleme und Familienstreit komme, sei eine ungute Gemengelage nicht mehr allzu fern. Armgard Focke weiß deshalb schon jetzt, dass die Zahl der Anrufe in den nächsten Wochen wohl deutlich zunehmen wird. „Normalerweise haben wir zwischen 500 und 550 Anrufe pro Jahr, es werden in diesem Jahr aber wohl mehr werden“ sagt sie. Aber jeder einzelne Anrufer, das ist Armgard Focke ganz wichtig, könne sicher sein, dass er beim Sorgentelefon ernst genommen werde und dass ihm dort zugehört werde.

Alle Infos zum Sorgentelefon des Kreises Steinfurt unter www.sorgentelefon-kreis-steinfurt.de sowie in der Meldung oben links auf dieser Seite.

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