„Das Sterben ist einsamer geworden“

„Das Sterben ist einsamer geworden“

Keine Umarmung. Nicht mal ein Händeschütteln. Stattdessen: Achselzucken. Beerdigungen in ihrer gegenwärtigen Form machen Hinterbliebene „machtlos, sprachlos und fassungslos“, sagt die Bestatterin Angela Thieme. Anders als sonst hätten sie keine Möglichkeit, sich während der Beisetzung Unterstützung zu holen. Alle Trauerfeiern haben das Ziel, den Angehörigen zu vermitteln, dass sie mit ihrer Trauer nicht alleine stehen und Familie und Freunde sie tragen. „Das fällt ja alles weg“, sagt Thieme über Beerdigungen in Zeiten von Corona. Die Hinterbliebenen verließen mit einem großen Gefühl der Einsamkeit den Friedhof. „Da fehlt einfach etwas.“

Sterben einsamer geworden

Nicht nur das: Christa Trendelkamp, Ehrenamtliche bei der Hospizbewegung Münster sagt, dass „das Sterben einsamer geworden“ sei. Viele Sterbende erhielten weniger Besuch, daher seien sie sehr allein gewesen in ihrer letzten Lebensphase. Das würde ihre Angehörigen ein Leben lang belasten, weil sie sich für ihre Lieben ein begleitetes, würdiges Sterben gewünscht hätten.

Stefan Rau, Pfarrer von St. Josef in Münster, berichtet, dass er und seine Kollegen Trauergespräche nur noch telefonisch leisten könnten. Dabei sei dieses Gespräch immer eine der wichtigen Stationen, in denen die Angehörigen noch einmal die Gelegenheit hätten, über das Leben des Verstorbenen und die schweren Phasen zu berichten. „Das nicht von Angesicht zu Angesicht tun zu können, ist wirklich hart,“ weiß er.

Da an den Beerdigungen nur der engste Familienkreis teilnehmen darf, sind langjährige Freunde oft nicht dabei, beschränkt sich die Trauergemeinde auf die Partnerin oder den Partner und die Kinder. Da wird auch An-Teilnahme unmöglich. Selbst wenn der „engste Familienkreis“ zugelassen ist, bleiben zum Beispiel Geschwister fern, weil sie zur Risikogruppe gehören. „Wenn ich sehe, wie ein Mensch nach 80 Lebensjahren beigesetzt wird, der vielleicht eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben gespielt hat und dass kaum jemand dabei sein darf, ist das sehr traurig“, sagt die Bestatterin.

Zurzeit sind keine Treffen in geschlossenen Räumen möglich. Das heißt, dass die übliche Trauerfeier in der Kirche oder in einem speziellen Trauerhaus ausfällt und sich die Familie vor der Kapelle auf dem Friedhof trifft. „Wenn wir Glück haben, ist wenigstens ein Dach da,“ sagt Thieme. Pfarrer Rau erklärt, dass im Normalfall Bestattungen aus drei Teilen bestehen: der Messe, der Ansprache in der Friedhofskapelle und der tatsächlichen Beerdigung. Wenn bei Kälte oder Regen die ersten beiden Teile wegfallen oder zumindest stark gekürzt werden, dann werde es „wirklich sehr knapp“. Hinzu kommt nach den Worten von Bestatter Martin Huerkamp aus Warendorf, dass sonst übliche persönliche Bestandteile einer Trauerfeier wegfallen – etwa besondere Musik oder persönliche Fürbitten.

In der Regel raten die Bestatter den Trauernden, nach der Krise einen Gottesdienst oder eine Verabschiedungsfeier nachzuholen, „um einen wirklichen Abschied für alle hinzubekommen“, wie es Huerkamp formuliert. Und allen, die nicht zur Beerdigung gehen dürfen, rät seine Kollegin Angela Thieme: „Geht später zu zweit zum Grab und haltet dort Zwiesprache. Sagt, dass Euer gemeinsamer Weg hier zu Ende geht. Und bringt eine Blume mit, die Ihr zum Abschied aufstellen könnt.“