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Stadtwerke

Archäologie in Rheines „guter Stube“

Interview mit Martin Forstmann von den TBR

Donnerstag, 18. April 2019 - 10:32 Uhr

von Newsdesk

Foto: LWL

Bei Kanalarbeiten der TBR wurden Archäologen hinzugezogen.

Auf dem Marktplatz und in der Marktstraße haben die Technischen Betriebe Rheine (TBR) neue und größere Mischwasserkanäle verlegt. Im Interview erklärt Martin Forstmann, Fachbereich Planung und Bau der TBR, die Arbeiten.

In der letzten Zeit waren immer Leute mit Schaufeln und Handfegern in der Marktstraße zugange. Was wurde hier gemacht?

Hier wurden archäologische Arbeiten für das Rheiner Geschichtsbuch durchgeführt. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und die Genossenschaft Archäologie am Hellweg aus Münster legten Mauerreste, Brunnen und alte Pflasterflächen frei, maßen sie auf und katalogisierten sie. Das wird deshalb gemacht, um sie genau zu beschreiben, ihre Lage zuzuordnen und das Gefundene für künftige Generationen zu erhalten, bevor der Bagger anrückt.

Warum gerade in der Innenstadt?

Aufgrund der Höhenlage und der guten Lage zur Ems gab es eine frühere Besiedlung auf diesem Plateau. Jede Generation hat hier ihre Spuren hinterlassen, die man wie ein Geschichtsbuch lesen kann. Hier waren die Menschen in der Steinzeit, die hier ihre Feuersteinwerkzeuge verloren haben. Ihnen folgten weitere Siedler und dann natürlich die ersten Rheiner Bürger, die hier ihre Häuser bauten.

Gibt es hier also verschiedene Besiedlungschichten auch im Mittelalter?

Ja, hier gab es in tieferen Erdschichten einfache Befestigungen wie Kalksteine für die Wege und in höheren Schichten hatte man schon kleinere Findlinge, so genannte Katzenköpfe, als Pflaster eingesetzt. Teils sind in diesen noch die Abdrücke der Wagenräder zu erkennen.

Wie geht die Archäologie vor?

Am Anfang steht die Auswertung. Alte Stadtpläne, Karten und Zeichnungen, aber auch Schriften werden ausgewertet. Diese werden mit dem Ort der geplanten Baumaßnahme verglichen. Diesmal war die Schicht zwischen 30 Zentimetern und zwei Metern unterhalb des Geländes am aussagekräftigsten. Denn alles, was sich oberhalb von 30 Zentimetern befindet, ist aus den 70er Jahren; da wurden der alte Marktplatz umgebaut und die jetzige Befestigung erstellt. Die mittelalterliche Schicht folgt unter diesen 30 Zentimetern in unterschiedlichen Stärken bis zum unberührten gewachsenen Boden, wo keine menschlichen Eingriffe stattfanden.

Warum graben Sie ausgerechnet bis zur Grenze von zwei Metern Tiefe?

Weil die Erdarbeiten für die Kanalrohre bin dorthin reichen. Diese Schichten würden beim späteren Kanalbau sowieso zerstört und müssen daher zumindest gesichtet, aufgemessen und dokumentiert werden. Das übernehmen Frau Grundmann und Herr Wunschel vom LWL sowie die Archäologen am Hellweg mit ihrem Grabungsleiter Christian Golüke. Wo wir nicht so tief graben, bleibt alles im Boden. Hier können sich dann spätere Generationen, die ggf. in dieser Tiefe graben, ein Bild von der alten Rheiner Geschichte machen.

Wie sah die Marktstraße im frühen Mittelalter aus?

Auf jeden Fall war die Straße wesentlich enger. In der Straße hat man die alten Kellerwände eines ganzen Hauses mit Sandsteinplatten gefunden. Eine starke Mauer deutet vermutlich auf ein weiteres Stadttor hin, das die Stadt geschützt hat. Auch ein Brunnen mit einer sehr schönen Sandsteineinfassung wurde ausgegraben.

Gab es hier besondere Schätze?

Viele Menschen verwechseln Archäologie mit Schatzsuche. Die sehr seltenen Goldfunde sind zwar aufregend. Wichtig für das Geschichtsbuch ist aber das Freilegen von Mauern und Bodenverfärbungen. Diese Arbeiten werden von den Archäologen bei schwierigen Bedingungen wie Trockenheit, Regen und Kälte durchgeführt.

Sie wollen Rohre legen, die Archäologen geduldig Geschichtszeugnisse freilegen – gab’s keinen Streit?

Gar nicht. Die Zusammenarbeit mit der Baufirma und den Archäologen habe ich auf allen Ebenen immer als sehr vertrauensvoll und zielführend erlebt. Und mit der Kanaltrasse ist es ja auch noch nicht vorbei mit der Archäologie: Wo noch nicht gegraben wurde, muss sie bei den Pflasterarbeiten zwingend ausgeführt werden.

Funde im Falkenhof

In Kürze sind die schönsten Fundstücke der Grabung im Falkenhof-Museum zu sehen: Keramik, Feuerstein-Artefakte, Glas und Metall aus der späten Jungsteinzeit, dem Hoch- und Spätmittelalter bis in die Neuzeit hinein werden in Zusammenarbeit mit dem LWL präsentiert. Sie sind im Rahmen der normalen Ausstellung zu besichtigen zu den üblichen Öffnungszeiten montags bis samstags von 14 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr.


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