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Alaphilippe wird Straßenrad-Weltmeister - Schachmann Neunter

Sonntag, 27. September 2020 - 17:01 Uhr

von Von Patrick Reichardt und Stefan Tabeling, dpa

Die Straßenrad-WM fand in Imola statt. Foto: Andrew Medichini/AP/dpa

Imola (dpa) - Nach 18 knüppelharten Anstiegen und rund 5000 Höhenmetern ist das deutsche Team um Geheimfavorit Schachmann geschlagen. Zum Weltmeister krönt sich stattdessen der Franzose Julian Alaphilippe. Für Deutschland fällt die Bilanz bei der Blitz-WM eher trist aus. Völlig abgekämpft erreichte Maximilian Schachmann nach einer brutalen Kletterpartie das „Autodromo Enzo e Dino Ferrari“, die erste WM-Nullnummer im deutschen Radsport seit der Wiedervereinigung war aber nicht mehr abzuwenden.

43 Tage nach seinem Schlüsselbeinbruch und einer kräftezehrenden Tour de France waren für den tapferen Berliner die Medaillen bei der Straßenrad-WM in Imola außer Reichweite, stattdessen holte sich der französische Star Julian Alaphilippe den WM-Titel. Der frühere Mailand-Sanremo-Champion siegte nach 258,2 Kilometern mit 5000 Höhenmetern vor dem Belgier Wout van Aert und dem Schweizer Marc Hirschi.

Schachmann kämpfte an den giftigen Anstiegen Gallisterna und Mazzolano verbissen um jeden Zentimeter, doch bei der letzten bis zu 14 Prozent steilen Rampe musste der 26-Jährige abreißen lassen. Als Neunter erreichte er mit 53 Sekunden Rückstand das Ziel.

Mit einer seiner überfallartigen Attacken setzte sich Alaphilippe von der Konkurrenz ab und stürmte im Alleingang zum Sieg auf der Rennstrecke. Noch in der letzten Tour-Woche schien beim Franzosen die Luft raus - womöglich ein kluger Schachzug, holte er doch nun den ersten französischen WM-Titel seit Laurent Borochard 1997 und trat die Nachfolge des Dänen Mads Pedersen an.

Deutschland muss dagegen weiter auf einen Nachfolger von Rudi Altig seit dessen Erfolg 1966 warten. Dafür war die Mannschaft aber auch zu schwach, fehlten doch einige Leistungsträger. Nicht mal eine Medaille gab es an den vier Wettkampftagen.

In der vorletzten Runde legten die Stars die Zurückhaltung ab. Eine Attacke von Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar mehr als 40 Kilometer vor dem Ziel sprengte das große Feld. Wie entfesselt stürmte der Slowene den Cote de Gallisterna hinauf, als ob die 3482 Kilometer bei der Tour nur eine Spazierfahrt gewesen waren. Die starke belgische Mannschaft musste sich schon strecken, um den Wunderjungen wieder einzufangen.

Nachdem das 177 Fahrer große Feld am frühen Morgen einmal um den Kurs auf der Rennstrecke gerollt war, ging es auf die knifflige 28,8-Kilometer-Schleife, die neunmal zu bewältigen war. In den ersten Stunden des Rennens war aus deutscher Sicht immer wieder ein Fahrer zu sehen: Jonas Koch, der sich klug in der Ausreißergruppe platzierte und das Feld mit dem Norweger Torstein Traeen eine Zeit lang sogar zu zweit anführte. Die Fluchtgruppe wurde 69 Kilometer vor dem Ziel gestellt, erst danach begannen die großen Attacken der wahren Gold-Kandidaten.

Das motorsportverrückte Imola, in dem Straßen nach Rennfahrern benannt sind und Verkehrsschilder auf berühmte Formel-1-Kurven hinweisen, hat innerhalb von drei Wochen tadellose Rad-Titelkämpfe unter bestmöglichen Bedingungen organisiert. Die Italiener sprangen kurzfristig ein, weil das Event in den Schweizer Gemeinden Aigle und Martigny coronabedingt abgesagt werden musste. Der WM war die Spontan-Organisation aber nicht anzumerken.

IOC-Boss Bach lobte bei seinem Besuch, der Radsport spiele mit seinen Konzepten in Pandemie-Zeiten „eine zentrale Rolle“. Man könne sich für Olympia 2021 in Tokio einiges von Veranstaltungen wie der Tour de France oder der Straßenrad-WM abschauen, betonte der 66 Jahre alte Funktionär. Am Samstag und Sonntag waren auf den Strecken-Tribünen auch vereinzelt Zuschauer zugelassen, an den Anstiegen war das Gedränge dichter. Die meisten Fans trugen dabei ihre Masken.

Weniger erfreulich als die Bilanz der Organisatoren fiel bei der Blitz-WM mit nur vier statt wie üblich elf Entscheidungen die deutsche Bilanz aus. Zwar sorgten Lisa Brennauer als Vierte im Zeitfahren und Liane Lippert auf Rang fünf im Straßenrennen für sehr ordentliche Resultate, die ersehnte Medaille blieb in den vier windigen Tagen in der Emilia Romagna allerdings aus.

Mit dem WM-Start nur vier Tage nach der Tour de France fehlten dem deutschen Team diesmal aber auch einige Leistungsträger, darunter der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin sowie die bergaffinen Emanuel Buchmann und Lennard Kämna, denen der schwierige und technisch anspruchsvolle Kurs vom Sonntag hätte liegen können.

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